Die Reisen des Karl-H. Mohr

Letzte Bearbeitung:

03.01.2011

Deutschland 2008

Der 1. Tag

Montag, den 5. Mai 2008

Auf nach Suhl

Die Vespa nimmt die Steigung mit Bravour. Es geht von Oppenau zur Jugendherberge „Zuflucht“, immerhin ein Höhenunterschied von 736 Meter auf einer Länge von 9,5 Kilometer. Das sind stellenweise bis zu 18 %. Während mich Vespe so durch den Schwarzwald rollt, komme ich auf den Gedanken, solch eine Tour jedes Jahr zu unternehmen. Das war im Mai 1998.

 

„Die Reisen des Karl-H. Mohr“ waren geboren.

 

Ein Jahr später bin ich mit der Vespa und Zelt zwei Wochen durch Kroatien gefahren.

 

„Die (unmöglichen) Reisen des Karl-H. Mohr“

 

 

Zehn Jahre nach meiner ersten Fahrt wollte ich wieder was „unmögliches“ machen.

 

Mit der Schwalbe in den Osten.

Am Montag, den 5. Mai, klingelt um halb fünf der Wecker. Der erste Blick gilt dem Wetter, das mich aber heute nicht im Stich lässt. Es ist trocken. Die Schwalbe steht gepackt in der Garage, und wartet auf die Dinge, die auf sie zukommen. Und das soll heute nicht wenig sein. Immerhin möchte ich in einem Rutsch in den Thüringer Wald, und zwar genau in dem Ort, wo Schwalbe vor 28 Jahren zusammengebaut wurde. Nach Suhl, das im Augenblick um die 410 Kilometer entfernt ist. Rein rechnerisch bedeutet das bei einem Schnitt von 40 Km/h in der Stunde über zehn Stunden Fahrt. Nach 50 Kilometer eine Pause von zwei Minuten, nach 200 Kilometer eine etwas längere Tankpause, so stelle ich mir das vor; mal sehen, wie die Wirklichkeit wird.

Um 5:15 Uhr trete ich den Kickstarter der Schwalbe dreimal herunter, und wie immer springt ihr Motörchen locker an. Es ist zwar trocken, doch wirklich warm ist anders, also habe ich unter Jeans und Motorradjacke noch einen Sportanzug. Ausziehen kann ich die Sachen ja immer noch.

Im Topcase, das wasserdicht ist, sind meine Anziehsachen. In den Satteltaschen, die rechts und links an der Schwalbe hängen, sind die Sachen, die man sonst noch braucht. Weil diese nicht dicht sind, habe ich alles noch mal in Gefrierbeutel gepackt, seien es die Bücher, sei es die Elektronik, die ich mitschleppe. Auf der Motorabdeckung habe ich noch eine Magnettasche mit den Regensachen, die ich hoffentlich nicht so oft brauche.

Nach einer Stunde habe ich das Ortsschild von Köln vor mir, wo der Berufsverkehr schon merklich vorhanden ist. Die Deutzer Brücke ist meine Rheinüberquerung, wo ich eigentlich die erste Pause nach 50km machen wollte. Da ich aber vor jeder roten Ampel meinen Hintern von der Sattelbank heben kann, verzichte ich auf eine Pause und fahre weiter. Die Städte Köln, Troisdorf, Siegburg und Hennef sind wie eine Stadt; ich lese zwar die verschiedenen Ortsschilder, aber es bleibt wie ein Ort, mit vielen roten Ampeln, an denen ich mir eine kleine Pause gönne.

Erst nach einhundert Kilometer steige ich ab, und gönne mir ein kleine Zwischenmahlzeit aus Salami, Müsliriegel und Cola. Wie immer habe ich mein GPS, das mir bei der Navigation helfen soll, dabei. Der Unterschied zu meinen vorigen Reisen ist, das ich diesmal keine Papierkarten dabei habe. Alle Wegpunkte, Routen und Karten habe ich in einem kleinen PDA gespeichert. Ein 50 ccm Roller, wie die Schwalbe einer ist, darf ja bekanntermaßen weder die Autobahn noch eine Kraftfahrstraße benutzen, was die Anzahl der Wegpunkte je Kilometer derart erhöht, das eine Speicherung alleine im GPS unmöglich macht. Im Garmin GPS können 500 Punkte gespeichert werden. Für die gesamte Tour brauche ich 1850, die jetzt im PDA auf ihre Aufgabe warten.

Ich gönne Schwalbe und meinem Po eine Pause

Für diese Fernetappe ist es günstig, Bundesstraßen auszuwählen, damit es zumindest einigermaßen schnell vorwärts geht. Von Köln bis Altenkirchen folge ich der B8, um dann weiter der Bundesstraße 414 zu folgen. Um Orte wie Herborn, Wetzlar und Gießen mache ich einen Bogen, und verlasse die Bundesstraßen.

 

Mittlerweile habe ich die Sportjacke unter meiner Motorradjacke ins Topcase befördert. Das Wetter ist weiterhin trocken, nur der Wind, der genau aus Osten kommt, lässt die Tachonadel des Schwälbchen auf höchstens 55 Km/h steigen. Aber nicht nur der Wind, der fast genau von vorne kommt, macht eine Maximalgeschwindigkeit von 60 unmöglich, auch die Berge, wenn auch nur Mittelgebirge, hindern uns daran, die V-max zu erreichen. Im Anstieg zum Thüringerwald ist sogar der erste Gang gefordert, was dann eine Geschwindigkeit von 20 km/h bedeutet. Ich möchte das Motörchen, das ja nur vom Fahrtwind gekühlt wird, nicht ganz ausdrehen, sonst wären noch 5 km/h mehr drin. Und sobald die Steigung etwas nachlässt, schalte ich einen Gang höher. Ich meine, Schwalbe dann ausatmen zu hören, weil die Anstrengung wieder etwas nachlässt.

 

Die Zimmer habe ich alle im voraus gebucht, nachdem ich gemerkt habe, das durch die Feiertage (Pfingsten und Fronleichnam) viele Pensionen schon fast ausgebucht waren. Überwiegend, wie auch hier in Suhl, habe ich mir Gasthöfe ausgesucht, die einen Parkplatz anbieten, damit Schwalbe nicht auf der Straße stehen muss. Das Zimmer, das mir Herr Schneider, der Eigentümer des Thüringer Hofes, zeigt, ist ein geräumiges Zimmer mit einem großen Bad.

Nach knapp 11 Stunden Schwalbenfliegen bin ich froh, unter der Dusche stehen zu können, und mir anschließend ein leckeres Weizenbier zu gönnen.

   „Auf ihrer Schwalbe steht Mönchengladbach, Sie sind aber nicht heute aus Gladbach gekommen“,

 fragt mich Herr Schneider, der Wirt.

   „Doch, auf direktem Weg. Heute Morgen um viertel nach fünf bin ich losgefahren“.

   „Ja, so Verrückte muss es geben, dann lassen Sie sich mal ihr Bier schmecken“.

Immer wenn ich auf Tour bin, nehme ich ein Buch zum Essen mit, weil, alleine vor mich hinzustieren und mein Bier zu trinken,  finde ich ätzend. Diesmal fange ich mit „Illuminati“ von Dan Brown an, ein 700 Seiten Wälzer. An einem Tisch sitzt eine Gruppe von Männer, die hier wohl ihren Stammtisch haben. Immer wenn ein neuer Gast herein kommt, läuft er durch die Gastwirtschaft und klopft zur Begrüßung an jedem Tisch. Eine schöne Gewohnheit. Einer der Ankommenden schaut auf mein Buch, und meint:

  „Da haben Sie sich aber noch was vorgenommen, bei so vielen Seiten würde ich sofort die Lust verlieren“.

  „Das geht schon, aber nur wenn es spannend ist, ansonsten fliegt es in die Ecke“.

Die Karte

Der 2. Tag

Dienstag, den 6. Mai 2008

Zweimal Wartburg

Um 8:00 Uhr gehe ich runter zum Frühstück in die Gaststube. Ich entdecke einen einzelnen Tisch, der gedeckt ist. Aber sonst niemand in der Nähe, weder der Wirt noch sonst jemand. Aber auf dem Tisch finde ich alles, was ich brauche. Wurst, Marmelade, frische Brötchen und eine Kanne Kaffee, die ich natürlich nicht anrühre. Das wird sich morgen sicherlich in eine mit Tee ändern lassen. Aber trotzdem lasse ich mir das Frühstück schmecken.

 

Noch gestern Abend habe ich GPS mit den neuen Daten für den heutigen Tag gefüttert. Auf kleinen Straßen durch den Thüringerwald nach Eisenach, wo ich mir unter anderem den und die Wartburg ansehen möchte.

 

Nach siebzig Kilometer und zwei Stunden Fahrt stehen Schwalbe und ich auf dem Parkplatz unterhalb der Wartburg. Laut Reiseführer soll man vor 11:00 Uhr an der Burg sein, ansonsten wird die Wartezeit auf eine Führung - und nur so ist die Burg zu besichtigen - unerträglich lang. Ich habe zwanzig Minuten Wartezeit bis zu meiner Führung, die alle zehn Minuten stattfinden. Zeit, einige Photos im Burghof zu machen. In einem Bereich des Innenhofes löst sich gerade eine große Ansammlung von Menschen auf. Ein Filmteam kommt aus der Mitte der Menschentraube hervor, an der Spitze Jürgen von der Lippe, der direkt Kurs auf mich nimmt.

Eingangstor zur Wartburg

Info:

Wartburg

  „Möchten Sie ein Rätsel mitmachen, ach nee, geht nicht, Sie haben ja Werbung am Kragen“, er meint wohl mein Schwalbenflieger.de.

  „Tut mir Leid“.

  „Macht nichts, ich habe sowieso keinen Fernseher“.

Mit einem Gesichtsausdruck, der Unverständnis ausdrückt, verabschiedet er sich, um ein neues „Opfer“ auszusuchen.

Während der Führung darf nach Herzenslust fotografiert werden, was leider nicht in jedem Museum der Fall ist. Einzig das Blitzgerät soll ausgeschaltet bleiben, was einige Besucher mangels Kamerabedienung nicht fertig bringen. 45 Minuten später wird die Gruppe von der Führerin ins Burgmuseum entlassen, an dessen Ende die bekannte Lutherstube zu besichtigen ist. Der Tintenfleck, der angeblich entstand, als Martin Luther dem Teufel ein Tintenfass hinterher warf ,wird schon lange nicht mehr nachgemalt, und die Möbel sind auch Nachbauten. Seit dem 16. Jahrhundert haben viele Luther -Anhänger Späne vom Tisch und Stuhl abgeschabt, so das sie unbrauchbar und ersetzt wurden.

Hoch auf dem Berg steht die Wartburg. Aussicht satt

Info:

Martin Luther

Ich gehe wieder hinunter zum Parkplatz, um mich für die nächste Aufgabe zu stärken. Bifi und Apfel ersetzen das Mittagessen. Unter blauem Himmel roller ich zum „Automobilbau Museum Eisenach“, das sich in den alten Produktionshallen des Automobilwerk Eisenach, wo einst der Wartburg produziert wurde, befindet.

Die Einfahrt zum ehemaligen Werk der Eisenacher Automobilwerke

Im Dezember 1896 wurde die „Fahrzeugfabrik Eisenach“ als Aktiengesellschaft gegründet. Anfänglich produzierte man nur Kriegsgerät und Fahrräder. Zwei Jahre später erfolgte dann der Bau des ersten Motorwagen, und war damit, nach „Daimler und „Benz“, der dritte Automobilproduzent in Deutschland. 1928 übernahm die „BMW AG München“ das Werk, und erstmals wurde der bis dahin als Dixi gebaute Kleinwagen als BMW Dixi bezeichnet. Und damit die Geburtsstunde für BMW als Automobilproduzent. Es ist nicht verwunderlich, das nach dem 2. Weltkrieg das „BMW Werk Eisenach“ zu 60%  zerstört war. Trotzdem wurde schon im November 1945 mit der Produktion des BMW 321 und 340 begonnen. 1952 wurde aus BMW der Volkseigene Betrieb „VEB Automobilfabrik EMW Eisenach“. Auch das Markenzeichen änderte sich. 1955 begann die Produktion des 3-Zylinder / 2-Takt Kleinwagens Wartburg 311 unter der Firmenbezeichnung „VEB AWE“. Am 10. April 1991 erfolgte nach einem Beschluss der Treuhand die Liquidation des drittältesten Automobilwerkes in Deutschland.

Viele Fahrzeuge stehen heute in dem Museum, in dem ich nach Erwerb einer Photoerlaubnis auch photografieren darf. Eine Zeitreise durch die Geschichte des Eisenacher Autowerkes.

BMW 328 Roadster 1938 Sechszylinder Reihenmotor 1971 ccm, 80 PS Produktion von 1936 - 40 Preis 7400 RM

Nach dem ich wieder neben meiner Schwalbe stehe, fahre ich noch in die Altstadt von Eisenach, die mir aber nicht so gut gefällt. Was aber daran liegen mag, das die Temperatur die 25° Marke überstiegen hat, und die Motorradjacke auch nicht unbedingt zur Abkühlung beiträgt.

Lieber fahren Schwalbe und ich wieder in den Wald, wo es noch was zu entdecken gibt. Ein paar Kilometer von Eisenach entfernt liegt die Drachenschlucht. Jahrmillionen lang wurde die Schlucht durch den stark wasser- und geröllführenden Bach ausgewaschen. Erst 1832 wurde die drei Kilometer lange Schlucht der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Stellenweise ist die Klamm zehn Meter hoch, aber nur 86 Zentimeter breit. Der Bach fließt meistenteils unter den Bretter des Bohlenweges, über den ich gehe. Ich gehe fast durch die ganze Schlucht, weil die Temperaturen hier doch recht angenehm sind, aber einen Drachen habe ich nicht gesehen.

Die Drachenschlucht. Manchmal war der Weg sehr eng für mich

Wieder im Gasthof möchte ich dann vor dem Essen ausgiebig duschen, was aber durch die Temperatur des warmen Wassers, das seinen Namen nicht verdient, unterbunden wird. Also die Klamotten wieder an, und Herrn Schneider gefragt, ob im Thüringer Wald das Warmwasser immer so kalt sei.

  „Der Kessel war ausgefallen, aber jetzt kann es nicht mehr lange dauern, dann können Sie duschen“.

Was ich nach einer kurzen Wartezeit auch mache. Mit meinem Roman bewaffnet setze ich mich anschließend in die Gastube, und genieße ein leckeres Rumpsteak mit frischen Spargel, dazu das eine oder andere Weizenbier.

Immer wieder schön. Blaue Schwalbe und gelbes Rapsfeld. Irgendwo am Rande Thüringer Wald

Die Karte

Der 3. Tag

Mittwoch, den 7. Mai 2008

Kein besonderer Hammer

Heute morgen habe ich wieder kein warmes Wasser, womit das Duschen und Rasieren ausfällt. Dafür steht aber eine Kanne mit Tee auf meinem Frühstückstisch, der mit Schinken, Wurst, Käse und verschiedene Marmeladen recht üppig ist.

 

Schwalbe springt wie immer beim dritten Tritt auf den Kickstarter an und muss heute, nachdem wir ein paar Kilometer gerollert sind, richtig ran. Aus dem Tal, in dem Suhl liegt, nach Schmiedefeld geht es steil bergauf. Ich muss den ersten Gang von Schwalbe benutzen, um die Höhe zu erklimmen. Mit 20 Km/h fliegen wir der Passhöhe entgegen.

 

Mein erstes Ziel heute ist der Ort Ohrdruf, den ich schon im vorigen Jahr bei der Tour mit Holger und Lars besuchte. Damals haben wir das Museum in Schloss Ehrenstein besucht, das mir nicht besonders gefallen hat. Leider wird sich auch heute, soviel sei vorweg genommen, bei meinem Besuch im Tobiashammer nicht viel an das Ohrdrufsche Negativbild ändern.

Nachdem ich an der Kasse 5,5 € für mich, und noch mal 1,6 € für die Kamera gelöhnt habe, darf ich mit einer Schulklasse, zum Glück sind sie vom Alter her kurz vor dem Abitur und somit nicht so laut und unkonzentriert, einen Film über den Tobiashammer ansehen. Dieser Film wurde wohl mal vom MDR gedreht und ausgestrahlt. Danach werden wir zu einer Scheune begleitet, in der der Tobiashammer steht.

Der Tobiashammer in Ohrdruf. Mit Wasserkraft angetriebener Schmiedehammer

An diesem, mit Wasserkraft angetriebenen, Hammer wurden ab 1480 Sicheln, Sensen, Schwerter, Lanzen und Ritterausrüstungen hergestellt. Später zu Beginn des 16. Jahrhunderts wurden dann auch Gerätschaften aus Kupfer produziert, z.B. Waschkessel mit doppelt starkem Boden, Paukenkessel und sonstige Geräte für Brauereien und Süßwarenhersteller. Die Dame, die uns diese Informationen erzählt, legt einige Hebel um, und das Wasser aus dem nebenliegenden Bach bringt das Wasserrad, und somit auch den Hammer, in Bewegung. Es pocht 20 mal, danach werden die Hebel wieder zurück gelegt. Das Wasserrad und der Hammer bleiben stehen. Das war die Vorführung des Tobiashammers. Diese Technik war zu DDR-Zeiten noch bis Anfang der 80er Jahre zur Produktion in Betrieb. Danach wurde die Anlage 32 Monat restauriert. Heute steht der private Museumsbetreiber vor mannigfaltigen Problemen. Die Welle des Wasserrades ist ein Eichenstamm, der eine bestimmte Größe haben muss, damit noch genug übrig bleibt, wenn er auf seine quadratische Form gebracht worden ist. Bäume mit solchen Durchmessern stehen heute aber meist unter Naturschutz.

  „Fragen Sie mich nicht ,wo wir den her haben“.

Desweiteren steht ein Zinkwalzwerk in dieser Scheune, das ebenfalls mit Wasserkraft angetrieben wird. Ein 7715 Kilogramm schweres Schwungrad speichert die Energie, um die bis drei Meter breiten Werkstücke zu walzen. Die Führung geht zu einer anderen Scheune, in der (angeblich) Europas größte stationäre Dampfmaschine steht. Diese Dampfmaschine ist für mich allerdings nur ein Lückenfüller. Sie steht in keinem Bezug mit der Gegend, oder dem Tobiashammer. Sie stammt aus Dahlbruch/Westfalen. Da man natürlich nicht genug Dampf produzieren kann - es müsste ein kleines Kraftwerk dafür betrieben werden - das Teil hat 12000 PS und braucht 35 Tonnen Dampf die Stunde - treibt ein Elektromotor den Kolben an. Natürlich nur mit dem zehnten Teil der Original-Geschwindigkeit. Selbst die riesige Scheune, in der wir stehen, hat hier früher nicht gestanden; sie wurde extra für die Maschine hier aufgebaut. Danach werden wir in den Park entlassen und dürfen uns alleine die Außenanlage ansehen. Dort stehen einige „Kunstwerke“, die auf dem Tobiashammer geschmiedet wurden. Etwas enttäuscht von diesem Museum gehe ich zurück zur Schwalbe. 7,1 € sind dafür einfach zuviel, wobei man natürlich bedenken muss, das es ein privates Museum, also ein wirtschaftlich geführtes Unternehmen ist. Was soll’s, ändern kann ich es nicht mehr, und ärgern gilt nicht. Da esse ich lieber meinen Proviantapfel, und sehe dabei den beiden auf der Weide zu.

Bei der Pause Photografiert

Zwanzig Kilometer weiter in Friedrichroda kaufe ich die nächste Eintrittskarte. Diesmal nicht für ein Industriedenkmal, sondern die Marienglashöhle, die gar keine Höhle ist, sondern ein ehemaliges Bergwerk. Ich fliege ja auch nicht mit der Schwalbe, sondern fahre, aber trotzdem bin ich der Schwalbenflieger. Das nur so am Rande. Auf jeden Fall habe ich noch dreißig Minuten bis zur Führung, die ich in der „Höhlenstube“ bei einem Glas Spezi verbringe. Essen will ich hier nicht, es riecht nach altem Fett. Eine Frau kommt von draußen und fragt, wie lange es denn dauert, bis ein Cheeseburger fertig ist.

  „Eine Minute“, die Antwort der Küchenfrau.

Und tatsächlich, nach etwas mehr als einer Minute liegt etwas auf dem Teller, das ein Cheeseburger sein soll.

Mit vier anderen Gästen gehen wir durch einen Stollen in den Berg. In einer großen Halle befindet sich ein Wasserfall, der in einem kleinen Weiher endet. Beides ist künstlich und nur für die Touristen angelegt. Was ist denn mit meinen Tourzielen los? Eine Dampfmaschine, die nicht dort hingehört, ein Wasserfall, der keiner ist? Alles nur Schau? Aber es wird besser, wirklich besser. Im Jahre 1778 wurde hier mit dem Gipsabbau begonnen. Sechs Jahre später entdeckten Bergleute die Kristallgrotte. Dieses Kristall, das chemisch gesehen Gips ist, fand Verwendung als Glasersatz bei der Herstellung von Marienbildern. Daher stammt auch der Name Marienglas. 1848 wurde der Abbau des Marienglases untersagt. Und schon im Jahre 1903, nachdem der Gipsabbau zum Erliegen kam, wurde das Bergwerk für die Öffentlichkeit geöffnet. Nur aus diesem Grund ist es noch heute möglich, diese besondere Kristallform noch anzusehen.

Das Marienglas

Nachdem mich der Berg wieder ans Sonnenlicht entlassen hat, fahre ich weiter nach Schmalkladen, wobei weiter nicht richtig ist. Das Vorderrad der Schwalbe zeigt schon wieder nach Süden, das heißt Richtung Suhl. Ich hatte vor, mir die Altstadt von Schmalkladen anzusehen, aber bei diesen Temperaturen ist mir ein Stadtbummel mit Motorradjacke einfach zu warm. Stattdessen halte ich am Industriedenkmal „Neue Hütte“.

Die Lufteinblasung des alten Hochofens

Info:

Neue Hütte

Eine restaurierte Hochofenanlage aus dem Jahre 1835. Mit dem eisenverarbeitenden Gewerbe, das sich seiner Zeit um Schmalkladen immer stärker entwickelte, wurde der Bedarf an Roheisen immer größer, so war der Bau einer Ofenanlage unabdingbar, begünstigt durch die waldreiche Gegend und das reiche Vorkommen an Eisenerz in der Region. So ein Hochofen hatte einen enormen Holzkohlenbedarf. Ein Holzkohlenmeiler von sechs Meter Durchmesser und drei Meter Höhe verkohlte das Holz zehn Tage lang bei 500 Grad Celsius. Die Ausbeute erbrachte etwa eine Tonne Holzkohle. Die Anlage Neue Hütte verbrauchte pro Tag fünf Tonnen davon. Das Museum ist ein interessantes Stück Industriegeschichte, außerdem noch schön dargestellt.

Fenster im Dachgeschoß der Neuen Hütte

Am Abend sitze ich wieder mit meinen Roman im Gasthof. Der Stammgast fragt mich, wie viel Seiten ich denn schon gelesen hätte. Werde auch auf den „Schwalbenflieger.de“ auf meinem Hemdkragen gefragt. Ich glaube, langsam kennt man mich in der Gaststube.

Was mir ein bisschen fehlt, ist das Camping. Wenn die Nacht hereinbricht, beobachte ich gerne die Lichter auf dem Meer und an der Küste, was auf einem Zimmer im Thüringer Wald nur schwer möglich ist. Aber auch im vorigen Jahr, obwohl in Italien am Meer, war das durch eine Hecke nicht möglich. Aber dort hatte ich zumindest die Glühwürmchen.

Die Karte

Der 4. Tag

Donnerstag, den 8. Mai 2008

Museum unter blauem Himmel

Heute morgen scheint wohl alles zu funktionieren - das Wasser aus dem Duschkopf ist warm, der Tee steht auf dem Tisch, der Himmel ist blau - was will ein Schwalbenflieger mehr? Vielleicht ein schönes und interessantes Tourenziel, oder derer mehrere.

Schöne Straßen durch den Thüringer Wald

Aber zuerst hat der Straßenbauergott mir, bzw. der Schwalbe, einige heftige Anstiege in den Weg gelegt. 15 % schafft Schwalbe im 2. Gang, danach wird es aber haarig, zurück in den ersten Gang. Meine obligatorische Pause nach 50 Kilometer spare ich mir, denn mein erstes Ziel ist schon in Schlagdistanz. Nach 69 Kilometer bin ich an der Klosterruine Paulinzella.

Das Kloster wurde 1102 von der sächsischen Adeligen Paulina gegründet, aber erst 1124 ist die Klosterkirche geweiht worden. Mit der Reformation ist das Kloster 1534 aufgehoben worden. Das Kloster verfiel zusehenst. Erst nach 1800 begann man mit den Sicherungs- und Restaurierungsarbeiten. Die Ruine ist durch ihre Lage direkt am Wald wirklich beeindruckend, was aber nicht nur mir auffällt, sondern schon meine Vorgänger, die hier verweilten. Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller waren angetan von den malerischen Resten des Klosters.

Klosterruine Paulinzella. Schon Goethe und Schiller waren davon beeindruckt.

Weiter geht es zur Feengrotte, die auch keine echte Höhle ist, sondern ein Bergwerk. Zwanzig Kilometer, oder eine halbe Stunde später, steht Schwalbe auf dem Parkplatz unterhalb der Kasse. Heute warten mehr Leute auf die Führung als gestern in die Marienglashöhle. Eine Fotografin will ein „Erinnerungsphoto“, das man nach der Führung kaufen kann, machen. Ich verdrücke mich nach ganz hinten. Auch in dieser Höhle darf nach Herzenslust photografiert werden, was natürlich viele Besucher ausnutzen. Sie knipsen fleißig drauflos. Die Kamera registriert natürlich Dunkelheit, und schaltet den Blitz ein. In dieser Höhle / Bergwerk sind die Räume aber so groß, das ein Blitz das nicht ausleuchten kann, und die Bilder viel zu dunkel werden. Wenn dann das Ergebnis auf den Displays begutachtet wird, sieht es mehr oder weniger nur schwarz aus. Ich lehne meine Kamera irgendwo an, oder, wenn es möglich ist, lege sie auf einen Absatz, um dann mit dem Selbstauslöser mit zwei Sekunden Verzögerung den Chip zu belichten. Mit der richtigen Einstellung im Menü, und mit abgeschalteten Blitz kommen dann ganz passable Photos heraus. Nachdem die ersten meine Methode nachmachen, hören auch die lästigen Blitze auf, die mich doch sehr stören.

Eine der Grotten in der Unterwelt

Im Jahre 1530 begann im Bergwerk Jeremias Glück der Abbau von Alaunschiefer. Alaun wurde unter andrem zum Gerben von Leder benötigt. Die beginnende Industrialisierung brachte den Abbau um 1850 zu Erliegen. 1910 wurde der Stollen des fast vergessenen Bergwerkes wiederentdeckt. Am 22. Dezember 1913 entdeckte man dann auch die dritte Sohle mit dem Märchendom und dem darin befindlichen Tropfstein. Das mineralhaltige Tropf- und Quellwasser hatten in den verlassenen Abbauräumen in weniger als 300 Jahren eine faszinierende Tropfsteinwelt geschaffen. Auch hier hatte ich einen berühmten Vorgänger, der die Feengrotte vor mit besucht hat. In den 1920er Jahren war der Sohn Richard Wagners, Siegfried Wagner, hier. Er war vom Motiv der Gralsburg derart fasziniert, das er sie als Bühnenbildvorlage zu einem Szenenbild im Tannhäuser aufnahm. Mit Musik – klar - von Wagner, und Lichteffekten wird uns der Märchendom, in der sich die Tropfsteinformation „Gralsburg“ befindet, präsentiert.

Nach 50 Minuten untertage endet die Führung im Brunnentempel, wo ich das aus dem Berg kommende Heilwasser kostenlos probieren könnte. Da ich mich nicht krank fühle, und das Wasser einen eher merkwürdigen Geruch hat, verzichte ich auf eine Verkostung. Lieber trinke ich meine, wenn auch mittlerweile, warme Cola aus dem Topcase. Dazu ein Bifi und ein Apfel, und schon ist das Mittagessen komplett.

Gut gestärkt roller ich weiter. In Rudolstadt, die Stadt der Anker-Bausteine, gibt mir das Straßenbauamt zum ersten Mal Probleme mit der Streckenführung auf. Bei Bundesstraßen besteht immer die Gefahr, das diese „Kraftfahrstraßen“ sind, die ich mit meinem Versicherungskennzeichen nicht befahren darf. In der STVO steht, das diese Straßen nur von Fahrzeugen, die laut Zulassung schneller als 60 Km/h sind, befahren werden dürfen. Schwalbe hat 60 in den Papieren stehen, also verboten.

Vor so einem Schild stehe ich jetzt, das heißt, ich biege gerade vor diesem Schild in eine Richtung ab, in der ich überhaupt nicht will. Es geht einen Kilometer an der Saale entlang um dann wieder die B 85 zu treffen die ich erst vor kurzem verlassen musste. Ich kann mir nicht erklären, warum wir für den einen Kilometer von der Bundesstraße runter mussten. Aber egal, ich habe meine ursprüngliche Route wiedergefunden. Ich folge dieser Bundesstraße, die auch als Bier- und Burgenstraße ausgeschildert ist, bis Blankenheim/Thüringen, um dann noch zwanzig Kilometer über Land- und Kreisstraßen zum Freilichtmuseum Hohenfelden zu fahren.

Haus “Hoyer” im Freilichtmuseum Hohenfelden

Info:

Haus “Hoyer”

Das Freilichtmuseum, mit seinen 30 Gebäuden, wurde 1976 gegründet, und hat es sich zur Aufgabe gemacht, ländliche Bauten mit historischem Wert nach Hohenfelden umzusetzen und zu erhalten. Im Gelände des Museums stehen Bauerhöfe, Werkstätten, Bienenhäuser und eine Einklassenschule. Prunkstück - meiner Ansicht nach - ist das Haus Hoyer aus Gügleben, das auch weitaus am besten beschrieben wird. In einem Raum höre ich ein lautes Geflatter, das ich mir nicht erklären kann. Die Lösung ist ein Vögelchen, eine Meise oder ein Spatz, so genau kenne ich mich in Ornithologie nicht aus, der versucht, durch die geschlossenen Fenster ins Freie zu gelangen. Es dauert etwas, bis ich ihn in den Händen halte und durch die Türe, wo er wohl auch hinein gekommen ist, wieder ans Tageslicht befördere. Ich bin froh, das dieses Museum nicht die Ausmaße von Kommern in der Eifel hat, denn bei der Wärme mit der Motorradjacke rumzulaufen, ist schon recht schweißtreibend.

Wieder Gelb und Blau. Es sieht aber auch zu gut aus.

Zum Abschluss der Fahrt darf ich noch einen 25 Kilometer-Umweg machen. Eigentlich wollte ich kurz hinter dem Weiler Schmücke rechts nach Suhl-Goldlauter, wo sich mein Zimmer befindet, abbiegen. Leider ist die, auf der Karte graue, Straße nur ein Wirtschaftsweg durch den Wald. Nicht nur das ich da nicht fahren darf, es ist auch in der Praxis unmöglich. Der Weg ist von Traktorenbereifung in einem so schlechten Zustand, das ich lieber die Straße und den Umweg in Kauf nehme.

Die Karte

Der 5. Tag

Freitag, den 9. Mai 2008

In den Simsonwerken

Heute ist mein letzter Tag in Suhl und Thüringen. Bis jetzt war die Reise wunderbar. Das Wetter ist 1a und Schwalbe macht auch keine Mucken, erklimmt die Berge ohne murren, springt immer tadellos an. Wie auch heute morgen wieder.

Ich fahre nach Hildburg-Hausen, dort soll es ein Milch- und Reklamemuseum geben. Nichts besonderes, aber ich wollte auch mal was anderes ansehen, als immer nur Bergwerke und Höhlen. Allerdings ist mir der direkte Weg nach Hildburg-Hausen versperrt. Wegen einer Baustelle kann man ab Erlau die Straße nicht mehr benutzen. Die ausgeschilderte Umleitung führt über die Autobahn. Klasse. Ich versuche es einfach mal und fahre bis Erlau, muss aber einsehen, das ein zwei Meter tiefes Loch anstatt einer Straße auch für eine Schwalbe ein nicht zu überwindendes Hindernis darstellt.

Der Rennsteigwanderweg und Thüringen sind eng miteinander verbunden

Ich fahre dann über den Rückweg meiner geplanten Tour nach Hildburg-Hausen. Das Museum entpuppt sich als Cafe, und die Innenstadt auch nicht so besonders. Ein kleiner Marktplatz, ein paar Geschäfte, das ist es so im ganzen. Also fasse ich den Entschluss, nach dem Besuch des Simsonmuseums in Suhl, meine versäumte Besichtigung in Schmalkalden nachzuholen. Schwalbe steht noch angebunden auf ihren Platz vor einem chinesischem Imbiss, deren drei Mitarbeiter interessiert zuschauen, wie ich mich fertig mache.

Habe ich Schwälbchen vorhin noch so gelobt, springt sie jetzt nach dem ersten Kick nicht an, und das, obwohl der Motor noch warm sein muss. Kick, Kick, Kick. Mit oder ohne Gas. Der Motor will seine Arbeit nicht aufnehmen. Die Chinesen schauen noch interessierter, und ich meine, ein leichtes Schmunzeln um die Mundwinkel sehen zu können. Ich überlege: was braucht es um das Kölbchen in Gang zu bekommen? Einen Zündfunken, und natürlich Benzin. Benzin ist im Tank, und der Benzinhahn ist geöffnet. Ein Blick auf dem Tacho verrät mir, das ich über 200 Kilometer seit dem letzten Tankfüllen unterwegs bin, was eigentlich zur Folge hätte, das ich den Benzinhahn schon auf Reserve gestellt haben müsste. Habe ich aber bis zum Parkplatz noch nicht nötig gehabt.

Den Hahn auf Reserve gestellt, zehn Sekunden gewartet. Beim zweiten Kick nimmt der Simson Motor M 541 seine Tätigkeit auf. Ich muss wohl mit dem letzten Tropfen Benzin im Vergaser hier den Motor abgestellt haben, zu wenig, um den Motor wieder zu starten. Mit einem Gruß zu den drei Chinesen, die freundlich lächelnd zurückgrüßen, setze ich meine Fahrt fort. Wieder den gleichen Weg, den ich gekommen bin, meinem eigentlichen Rückweg. Mitten im Wald, an einem Rastplatz, lege ich eine Pause ein, um mir ein „Mittagsmahl“ zu gönnen.

Nicht zu übersehen. Der Eingang am Congress Center mit dem Zweiradmuseum in Suhl

Danach geht es in die Innenstadt von Suhl, wo sich im Congress Center das Simsonmuseum befindet. Eigentlich heißt es „Fahrzeugmuseum Suhl“, weil sich dort nicht nur Simsonfahrzeuge befinden, sondern auch Mopeds und Motorräder anderer Marken.

Ein schönes Museum mit vielen Mopeds, auch seltene Marken wie Wanderer und Miele. Natürlich auch Produktionen aus der DDR wie Simson, EMW und MZ. Interessant ist auch ein kleines Kino, in dem ein Film über die Six Days von 1987 in Polen läuft. Ich schaue mir den gesamten Film an, in der MZ und Simson als ein Team mit 125 cm³ Maschinen antreten und gewinnen.

Hat vor 28 Jahren hinter diesen Mauern meine Schwalbe das Licht der Welt entdeckt?

Info:

Simson

Nach dem Museumsbesuch möchte ich noch weiter in die Vergangenheit von Simson eindringen. Das Werk wurde am 28. Juni 2002 geschlossen, aber die Gebäude, die heute als Gewerbepark genutzt werden, stehen zum Teil noch. Mich empfangen die typischen Backsteinbauten solcher Industrieareale. Zum Teil abgerissen, zum Teil aber auch restauriert und wieder benutzt. Mir gefallen solche Fabrikgelände.

Noch älter sind die Gebäude in Schmalkalden, das ich nach dreißig Kilometer Fahrt erreiche. Zur Belohnung gönne ich mir ein leckeres Eis aus der Eisdiele auf dem Marktplatz. In der Innenstadt sind 90% der Fachwerkhäuser aus dem späten Mittelalter.

Schmalkalden. Mitelalterliche Innstadt

Nach einem Rundgang roller ich wieder nach Suhl zu meinem Gasthof, um mich für die morgige Etappe zum Erzgebirge, nach Annaberg-Buchholz, vorzubereiten. Das heißt Duschen, Packen, GPS vorbereiten und unten in der Gaststube etwas Leckeres essen, und ein Weizenbier genießen.

Wieder werde ich von den Einheimischen durch ein Klopfen auf den Tisch begrüßt. Einzig eine Frau am Nebentisch geht mir auf den Geist. Sie muss lautstark einem Mann neben sich erklären, welche Krankheiten sie hatte, oder aktuell hat. Selbst ihrem Gesprächspartner, der eigentlich kein Wort sagt, geht das wohl auf dem Geist, denn irgendwann verabschiedet er sich von ihr. Mangels Gesprächspartner zahlt auch sie ihre Zeche und macht sich von dannen. Endlich kann ich in Ruhe meinen Roman weiterlesen, ohne immer wieder abgelenkt zu werden.

Die Karte

Der 6. Tag

Samstag, den 10. Mai 2008

Glück gehabt

Wie immer, wenn ich mein Lager verlasse, bin ich nervös. Und wenn ich nervös bin, kann ich nicht vernünftig frühstücken. (Wie oft habe ich das wohl schon geschrieben, aber so ist es nun mal). Ein Brötchen muss reichen, vergesse aber, mir eins für unterwegs mitzunehmen. Unter blauem Himmel fahre ich los, das Vorderrad nach Osten gewandt. Annaberg-Buchholz im Erzgebirge ist mein heutiges Etappenziel.

Bei Saalfeld wird mir die Straße durch ein blaues Kraftfahrtstraßenschild verweigert, was ich recht einfach durch eine Parallelstraße ausbügeln kann. Und schon wenige Kilometer weiter, in Pössneck, muss ich die B 281 wieder verlassen, um mir eine Alternativstrecke zu suchen. Dank GPS, und vielen Wegpunkten neben der geplanten Strecke, ist das kein Problem. Ein Problem ist, das der Sprit alle ist, gerade als Schwalbe und ich von einer Landstraße auf eine kleine Kreisstraße einbiegen. Natürlich ist der Tank nicht leer; ich stelle einfach den Benzinhahn auf Reserve. Was mir ein wenig zu denken gibt, ist, das wir noch nicht mal 200 Kilometer seit dem letzten Tanken gefahren sind. Eigentlich ist das Umschalten erst nach ca. 210 Kilometer nötig. Aber was soll ich machen? Ich bin die letzten Kilometer nicht an einer Tankstelle vorbeigefahren. Also weiter Richtung Osten. Einzig, das ich nur winzige Ortschaften, meistens nur kleine Weiler, durchfahre, macht mich etwas nervös. Andrerseits bin ich am Niederrhein schon über 30 Kilometer in der Reserve rumgefahren, ohne das sich Schwierigkeiten eingestellt hätten.

Das Dilemma hat sich schon angekündigt. Zu früh musste ich auf Reserve schalten, zu früh geht der Motor ohne Sprit aus. Irgendwo im Nirgendwo. Sechs Kilometer von Auma entfernt, einen Ort, der schon länger ausgeschildert war. Von dem ich aber nicht weiß, ob dort überhaupt eine Zapfsäule für Schwalbe steht. Es darf nicht sein, was nicht sein kann. Wir sind auf einer Steigung stehen geblieben, der Benzinhahn ist vorne am Tank geschraubt, also läuft das bisschen Benzin, was noch im Tank ist, nicht zum Vergaser. Ich drehe Schwalbe um 180° in Richtung bergab, warte 30 Sekunden. Nach dem fünften Kick springt sie an. Kann ich Auma noch mit dem Sprit erreichen? Ist dort eine Tankstelle? Das sehen sie nach der Werbung.

Nein, das Leben geht weiter, genauso wie der Schwalbenmotor. Wenn auch nur mit andauerndem Wackeln, damit das Benzin sich nicht im hinteren Teil des Tanks ausruht, sondern den Weg nach vorne durch den Benzinhahn in den Vergaser findet. Aber sechs Kilometer sind zu weit. Oben auf der Passhöhe bleibt der Kolben mangels Benzin-Luft-Gemisch stehen. Aber immerhin habe ich es bis oben geschafft, und kann solange den Berg runterrollen, bis die nächste Steigung kommt. Jeder Meter zählt.

 

Drei Kilometer weiter kommt die nächste Steigung, und damit das Ende meiner Bergabfahrt, aber auch Auma ist erreicht. Leider ist Auma nicht unbedingt ein Ort, der für einen Mineralölkonzern als umsatzstark gilt. Es gibt also keine Tankstelle. Was ich sehe, sind fünf bis sechs Häuser und ein Sägebetrieb. Ich frage eine Gabelstaplerfahrer, ob ich eine Chance habe, irgendwo Benzin herzubekommen.

  „Wie weit kommste denn noch“?

  „Null, nur noch zu Fuß, der Tank ist komplett leer“.

  „Geh mal rüber in die Halle, da ist einer, der hat bestimmt was“.

 

In dieser Halle werde ich zur nächsten Halle geschickt. Aber irgendwo muss es doch in so einem Betrieb einen geben, der Sprit hat? Auf dem Weg in die zweite Halle, der Betrieb zieht sich links und rechts von der Straße die ich gekommen bin, kommt mir ein Auto von den Wohnhäuser entgegen. Die Fahrerin hat keinen Sprit, nur einen riesigen Hund auf dem Rücksitz, der sich nicht mehr einkriegt. Ich glaube, ich möchte gar kein Benzin mehr. Das Vieh könnte mich locker nach sonst wo ziehen, wenn er vor der Schwalbe gespannt wäre.

 

Vor der nächsten Halle kommt mir schon jemand entgegen:

  „Sie brauchen Sprit für ihre Schwalbe? Ist aber ein altes Schätzchen, was Sie da haben. Ich muss mal sehen, ob wir irgendwo Zweitaktöl haben“.

  „Öl habe ich mit, ich brauche nur Benzin, egal ob Normal oder Super, nur mit Diesel kommt die Schwalbe nicht klar“.

Wir gehen zu einem Schuppen, wo mehrere Fässer stehen. Ich bekomme 5 Liter Benzin in einem Eimer mit Ausgießer, womit ich den Tank von Schwalbe zumindest teilweise wieder füllen kann. Mit fünf Euro für die Kaffeekasse bin ich dabei auch noch preiswerter als an einer Tankstelle weggekommen. Da habe ich aber viel Dusel gehabt, denn die nächste Tankstelle, an der ich vorbeikomme, ist zwölf Kilometer entfernt, und außerdem ist heute Samstag. Das in dem Sägewerk überhaupt gearbeitet wurde.

Mit Sprit läuft Schwalbe wieder prächtig

Einhundert Kilometer weiter komme ich an einem Unfall vorbei. Ein PKW ist, warum auch immer, von der Fahrbahn abgekommen, dann auf einer Wiese zwischen Straße und Wald weitergerutscht und an einem Baum zum Stehen gekommen. Die Fahrerin sitzt noch am Steuer, wohl nicht verletzt, aber geschockt. Vielleicht war der Spritmangel dann doch nützlich.

Mein Zimmer in Annaberg-Buchholz habe ich im Gashof „Böhmisches Tor“ vorbestellt. Zwei Nachteile hat das Böhmische Tor, zum einen ist der Parkplatz, der auf der Internetseite beschrieben war, zwar ein Parkplatz, aber leider ein öffentlicher. Ich hätte Schwalbe lieber auf einem Hinterhof gestellt, damit sie nicht so auf dem Präsentierteller steht. Und zweitens ist das Zimmer im 4 Stock unter dem Dach, damit sehr warm, und klein. Das Zimmer in Suhl war locker dreimal so groß. Aber zumindest gibt es auf Anhieb warmes Wasser zum Duschen. Und das Essen, Putenrouladen mit frischem Spargel, ist lecker. Auch Iluminati kann ich in Ruhe lesen.

Schwalbe fliegt schon 1365 Kilometer störungsfrei durch Deutschland

Die Karte

Der 7. Tag

Sonntag, den 11. Mai 2008

Tief im Berg, wieder mal

Die Zimmertemperatur gestern abend konnte ich durch das Öffnen des Dachfensters auf ein erträgliches Maß senken, so das ich ganz gut geschlafen habe. Die Weizenbiere taten da wohl das Übrige.

Wieder bin ich früh - und alleine am Frühstücken. Die anderen Gäste, es sind mehrere Tische eingedeckt, schlafen wohl noch fest. Aber ich habe um 10:00 Uhr einen Termin, das heißt, im Besucherbergwerk Pöhla beginnt dann die Führung, die drei Stunden dauern soll. Die nächste Führung wäre erst wieder um 14:00 Uhr. Ich muss ja die Geschwindigkeit von Schwalbe beachten, kann ja nicht einfach den Gashahn aufdrehen wie bei Suzie. Höchstgeschwindigkeit ist Höchstgeschwindigkeit, und bergauf noch etwas langsamer. Also lieber etwas eher losfahren.

Eingang des Bergwerk Pöhla

Dreißig Minuten vor Beginn der Führung stehe ich am Bergwerk, und binde Schwalbe fest. Außer mir ist nur ein Hund mit seinem Herrchen auf dem Gelände, der auf Besucher wartet. Die Führungen im Bergwerk, das von einem Verein betrieben wird, werden erst ab 10 Personen durchgeführt.

  „Da kommen bestimmt noch Gäste“, ermuntert mich Herbert.

  „Allerdings“, gebe ich zu bedenken „ist heute Sonntag, und zu allem Übel auch noch Muttertag“.

Zehn Minuten vor zehn kommt Franz, ein anderes Vereinsmitglied, der sich in die Kleiderkammer begibt, um sich für die Führung umzuziehen. Aber wozu umziehen, weit und breit ist keine Menschenseele zu sehen. Karl, der mittlerweile in einer blauen Arbeitskluft bei uns steht, ist noch voll der Hoffnung, das noch weitere Besucher kommen, damit er seine Fähigkeiten als Führer anbringen kann. Und tatsächlich - zwei Minuten vor zehn hält ein Wagen mit drei Personen, einem Paar mit Kind. Aber mit vier Gästen haben wir noch nicht mal die 50% Hürde geschafft.

  „Jetzt bin ich schon mal hier, dann kann ich mit euch auch in den Berg einfahren. Ich warte doch nicht vier Stunden hier oben auf neue Gäste“. Mit diesen Worten schleust uns Karl in die Besucherkleiderkammer, damit wir uns mit Umhang und Helm ausrüsten können. „Einfahren“ ist hier nicht nur bergmännisch gemeint. In jedem (Besucher)Bergwerk, obwohl es vielleicht zu Fuß in den Berg geht, fährt man ein.. Wir fahren mit einer umgebauten Grubenbahn 3000 Meter in den Berg. Umgebaut deshalb, weil die Anhänger der Bahn für Besucher geschlossen sind, damit der Gast nicht mit seinem Schädel oder Ellenbogen am Fels hängen bleibt. Bergleute hatten diesen Komfort natürlich nicht. Mein Banknachbar, Mutter und Tochter, sind im vorderen Teil des Wagens eingestiegen, wird von Minute zu Minute unruhiger. Seine Frau fragt ihn, ob es noch geht. Ach du lieber Gott, der arme Kerl leidet unter Platzangst. Ob dann untertage der richtige Ort für ihn ist? Mal sehen, was noch so kommt.

Dieser Zug bringt uns 3000 Meter in den Berg des Uranbergwerks

Info:

Kumpeltod und Schneeberger Krankheit

Irgendwann ist für ihn aber auch diese Tortour vorbei, der Stollen, in dem wir uns befinden, ist doch recht groß ausgebaut, und Udo, wie der Familienvater heißt, geht es wieder besser. Was mir sofort an diesem Besucherbergwerk auffällt, ist, das es aussieht wie ein Bergwerk das noch in Betrieb sein könnte, soweit ich das Laie beurteilen kann. Was von Karl auch so bestätigt wird, mit der Einschränkung, das die Wege für die Besucher vom Matsch befreit wurden. Die Bergleute mussten Stiefel tragen, um nicht immer nasse Füße zu haben. Auch die übliche Figuren, wie in anderen Bergwerken, die zeigen sollen, wie das Bergwerk, in welchem Jahrhundert auch immer, ausgesehen hat, fehlen hier komplett.

Bis 1991 hat Karl in diesem Bergwerk als Lokführer gearbeitet. Es wurde überwiegend Uranerz für die Sowjetunion abgebaut. Nicht das die DDR das Erz an die Sowjetunion verkauft hätte: die SDAG Wismuth war de facto ein sowjetisches Unternehmen, wie auch die Bergleute von sowjetischen Soldaten kontrolliert wurden. Unser Bergmann holt ein Stück Erz aus seiner Aktentasche. Uranerz, das er auf einer Halde in der Nähe gefunden hat.

  „Zu DDR – Zeiten wäre ich dafür nach Sibirien gegangen“.

Unsere Bedenken, was die Strahlung betrifft, weist er von sich.

  „Uranerz ist nur sehr schwach strahlend“.

Da Karl ja bis zuletzt hier im Bergwerk tätig war, kann er uns viel über die Arbeit in einem modernen Bergwerk, insbesondere über die in einem DDR-Bergwerk, erzählen. Der Lohn bestand aus einem Grundgehalt und einer eventuellen Zulage, wenn man besondere Leistungen erbracht hat. Sei es nun, das ein Sprenglochbohrer mehr Löcher bohrte als im Plan stand. Natürlich wurde von ihm dann verschwiegen, wenn er ein besonderes Mineral gefunden hatte. Denn dann kamen die Geologen, und mit Bohren war erst mal Schluss. Der Plan wurde nicht erfüllt, geschweige denn eine über den Plan liegende Mehrarbeit. Also lieber den Mund halten und weiter bohren, damit man am Ende des Monats eine Zulage erarbeitet hat. Und der Genosse Sprengmeister war dann auch zufriedener, denn er wurde ja auch anhand der geleisteten Sprengungen gemessen.

Oder die Sache mit dem Bitumen. Man spritzte die Wände mit einer Bitumenmixtur ein, um den Staub zu binden. Die Schneebergerkrankheit sollte damit verhindert werden.

  „Wozu wird Bitumen noch verwendet? Unterbodenschutz bei Autos. Und je mehr Bitumen verbraucht wurde, desto mehr Prämie gab es. Also doppelt verdient. Prämie und draußen den Bitumen verkauft, oder getauscht.“

Unsere Lokführer machten es genauso: anstatt 60 Hunde ( so werden im Bergbau die Anhänger genannt, die zugelassen waren) spannte er einhundert hinter dem Tausendfüßler, wie die Lok wegen ihrer vielen Achsen genannt wurde. Wichtig war die Tonnage, die ausgefahren wurde, egal ob das Material darunter leidet oder nicht.

Während der Erläuterung des Bergmannes sind wir einige Meter weiter in den Berg gegangen und stehen nun vor einer Bohrmaschine, mit denen die Bohrlöcher für die Sprengungen gebohrt wurden. Wir bekommen erklärt, unter welchen Arbeitsbedingungen die Bohrleute gearbeitet habe. Staub, ölhaltige Luft (durch die Pressluft des Bohrers) und Lärm. Karl erklärt aber nicht nur; er greift zu einem Pressluftventil und öffnet es. Die Bohrmaschine und deren Anschlussschläuche fangen bedrohlich zu zischen an. Mir schwant schon, was kommt. Karl lässt uns aber nicht erschrecken, sondern warnt uns vor dem Höllenlärm, und rät uns, die Ohren zuzuhalten. Da er auch keinen Ohrschützer trägt, verzichte ich darauf. Der Lärm ist ohrenbetäubend, und zum Glück nach wenigen Sekunden vorbei. Der klaustrophobe Familienvater rennt wie vom Blitz getroffen um die nächste Ecke. Weichei! Die wenigen Sekunden des Bohrens haben ausgereicht, die Luft mit Staub und Öldunst zu füllen, zumindest kann ich erahnen,wie es im Betrieb hier gewesen ist. Da die Ventile in der Zwischenzeit wieder geschlossen sind, ist auch die Familie wieder komplett, und wir können weitergehen.

Insgesamt drei Stunden dauert die Führung, in der wir auch einen Abraumstollen durchkriechen. Unser Familienvater wurde aber von Karl schon vorgewarnt, das es etwas enger wird, und hat ihn über einen anderen Weg geführt, wo wir uns etwas später wieder treffen. Kurz vor dem Ende der Führung bekommen wir noch die Zinnkammern zu sehen, in denen es auch eine Bühne für Musikvorführungen gibt. Mit einem Mal stehen wir wieder vor der Bahn, die uns ans Tageslicht bringt. Für mich ist das Besucherbergwerk Pöhla eines der schönsten Bergwerke, die ich je besucht habe.

Bei der Mittagspause lockt mein Apfel

Nicht weit vom Bergwerk liegt die Ortschaft Rittersgrün, zu der ich jetzt weiterfahre. Dort gibt es ein kleines Schmalspurbahnmuseum. Der Präsident des Vereins begleitet mich in den Lokschuppen, wo drei Dampfloks stehen. Da er mich mit der Schwalbe kommen sah und gelesen hat, das ich aus Mönchengladbach komme, erwähnt er sofort, das eine vierte Lok im Augenblick neu aufgebaut wird. Der Kessel stammt von der Fa. DUPIUS/Dekedo aus Mönchengladbach. Irgendwann soll sie unter Dampf bei der Parkbahn Rittersgrün fahren.

Kleines Schmalspurmuseum in Rittersgrün

Nach dem Besuch des Schmalspurbahnmuseums muss ich mich an einer Kreuzung entscheiden. Rechts nach Karlsbad, oder links über Oberwiesenthal wieder zurück nach Annaberg-Buchholz. Bis Karlsbad sind es ca. 70 Kilometer, sprich knapp zwei Stunden Fahrzeit plus die Zeit in Karlsbad. Das wird zu spät, also über Oberwiesenthal nach Hause. Schwalbe muss sich bis auf 1070 Höhenmeter Hochquälen, stellenweise wieder im ersten Gang.

Während der Rückfahrt sind zum erstenmal vermehrt Trabis unterwegs, wahrscheinlich ein sonntägliches Treffen. Jetzt sehe ich, das Schwalbe für die Geschwindigkeit dieser Autos gebaut wurde. Nur selten kann mich so ein Wagen zu überholen.

Die Karte

Der 8. Tag

Montag, den 12. Mai 2008

Spielzeuge aus Holz

Mitten in der Nacht werde ich durch Geräusche wach. Ein Mann und eine Frau schreien sich gegenseitig an, die Rigipswände halten von dem Tumult nicht viel ab. Es wird nicht leiser. Ich springe vor Wut aus dem Bett, schmeiße Hemd und Hose über, und bin gerade dabei, meine Wanderschuhe anzuziehen (die sind recht grob, und man kann wahrscheinlich nachhaltig damit treten. Ganz unbewaffnet darf man ja in solch einer Situation nicht reinstürmen), als ich mehrere Zimmertüren höre und eine zweite Frau das Schreien anfängt. Jetzt hat er wohl die schlechteren Karten. Die Zimmertüre fällt krachend zu, und die beiden Frauen gehen flüsternd über den Flur. Ob da wohl der Haussegen schief hängt? Den Rest der Nacht kann ich ungestört weiterschlafen.

Ich roller nach Seiffen, das Holz- und Weihnachtsdorf im Erzgebirge. Von hier kommen die Original erzgebirgischen Holzwaren, seien es die Nussknacker, die Räuchermännchen, oder die bekannten Weihnachtspyramiden. Das ganze Dorf ist auch mitten im Mai weihnachtlich. Adventshaus, Weihnachtsstube, überall drehen sich die Weihnachtspyramiden und stehen Kerzenbogen in den Läden. Ich fahre lieber ins Spielzeugmuseum.

Die Stube eines Schnitzers

Info:

Vom Bergmann zum Schpielzeugproduzenten

Aber ganz ohne Weihnachten geht es auch hier nicht, mitten im großen Saal des Museums steht eine riesige Pyramide. Aber das Hauptthema sind die Menschen, die in früheren Zeiten Holzspielzeuge und später Weihnachtszubehör hergestellt haben. Ein leichtes Leben war das nicht. Vielfach wurden diese Arbeiter ausgebeutet:

Materialwert:                                          0,80 Mark

der Verleger/Großhändler bezahlt den

Schnitzer mit:                                         1,20 Mark

Der Großhändler verkauft an den

Einzelhändler mit:                                   3,45 Mark

Und der Einzelhändler an den

Kunden:                                                5,70 Mark.

Auch zu meiner Kinderzeit wurde noch Holzspielzeug produziert, obwohl ich, damals wie heute, eher zu Blechspielzeug neige. Erst später wurde die Umstellung von Spielzeug zur Weihnachts- und Volkskunst vorgenommen. Nach dem zweiten Weltkrieg ist der Schnitzer als Lehrberuf anerkannt worden, und damit eine Besserstellung der Arbeiter.

Nur wenige hundert Meter vom Spielzeugmuseum ist das Freilichtmuseum von Seiffen, das eine Außenstelle des Museums darstellt.

  „Gehen sie zuerst zu dem großen Gebäude im Tal, dort ist der Reifendreher, der hat um 12:00 Uhr Pause. Dann können sie ihm noch über die Schulter schauen“,

werde ich von der Kassiererin aufgefordert. Für mich sehen die Gebäude alle nicht sehr groß aus, prompt verlaufe ich mich und lande in der Säge. Ich umrunde das Gebäude und lande in der Werkstatt des Reifendrehers. Das Reifendrehen ist eine handwerkliche Fertigkeit, die im Erzgebirge entwickelt wurde und auch heute dort noch gepflegt wird. Das Ergebnis sind kleine Tiere, andere Figuren oder auch Nachbildungen von Häusern aus Holz, die zum Ausschmücken von Weihnachtspyramiden- oder –krippen verwendet werden. Es wird ein Holzstück auf eine Drechselbank so bearbeitet, das ein Holzring mit einem Durchmesser von etwa 30 bis 50 Zentimeter entsteht, der im Querschnitt die Kontur der gewünschten Figur besitzt. Anschließend werden von dem Ring kleine Segmente abgespalten – die Rohlinge, die noch durch Schnitzen und Bemalen ihre eigentliche Form und Farbe bekommen.

Drehbank eines Reifenschnitzers, aus denen Spielzeuge geschnitzt werden

Die Drehbank wurde in früheren Jahrhunderten mit Wasserkraft angetrieben. Am 21.Juni 1912 wurde in Lichtenberg ein Elektrizitätswerk mit einer Dampfturbine in Betrieb genommen, die Häuser und Werkstätten kamen ans Stromnetz. 1913 konnte man 35.000 angeschlossene Glühlampen und 1420 Motoren zählen. Auch hier im Museum wird die Drechselbank mit Strom angetrieben, obwohl ein Wasserrad vorhanden ist. Aber der Bach führt zuwenig Wasser, um die Bank ständig in Bewegung zu halten.

Freilichtmuseum in Seiffen

Die Rückfahrt nach Annaberg-Buchholz führt mich über eine schöne Strecke an der tschechischen Grenze entlang. Bei einer Pause stecke ich mir die Kopfhörer des MP3-Players in die Ohren. Bei einem Lied singe ich lauthals mit - und anscheinend kann man mich bei geöffneten Visier hören, die Leute am Straßenrand sehen ein wenig verständnislos in meine Richtung. Zum Glück kennt mich ja hier keiner. Bevor ich zurück in den Gasthof fahre, möchte ich mir noch den Frohnauer Hammer ansehen.

  „Die Führung beginnt in etwa 15 Minuten“, sagt die freundliche Kassiererin in ihrem Häuschen. Vor dem Gebäude des Hammers sind Bänke aufgestellt, auf denen schon einige Menschen warten, um auch an der Führung teilzunehmen. Ein Mann versucht mit Selbstauslöser und einer Mülltonne ein Photo vom Wasserlauf des Wasserrades und sich zu machen. Während er das Ergebnis auf dem Display betrachtet, kann ich in seinem Gesicht ablesen das, das Ergebnis wohl nicht besonders ist. Ich biete ihm meine Hilfe an, die er dankbar annimmt.

Noch immer beginnt die Führung nicht, obwohl die viertel Stunde schon längst vorbei ist. Man lässt uns lange warten. Die Gruppe ist in der Zwischenzeit auch mächtig angewachsen. Dreißig Minuten nach dem eigentlichen Termin werden wir von einem Mann in Lederschürze und Hut abgeholt, der sich auch gleich für die Verspätung entschuldigt. Ein Fernsehteam hat länger gebraucht als geplant. Im Innern des Hammer, der hier durch Wasserkraft angetrieben wird, sind einige Kunstschmiede bei der Arbeit. Es sind Künstler aus verschiedenen Teilen Europas. Deswegen auch das Fernsehteam. Aber auch dieser Hammer, wie schon in Ohrdruf, ist eher enttäuschend. Zum Glück sind die Schmiede hier bei der Arbeit, weswegen hier und da ein Feuer lodert, und bei der Vorführung des Hammers ein glühendes Stück Eisen bearbeitet wird. Schnell werden wir wieder aus dem Bereich des Hammers in ein Museum bugsiert, wo Schmiedearbeiten aus den letzten Jahrhunderten zu besichtigen sind. Der Herr, dem ich bei seinem Bild vor dem Hammergebäude behilflich war, macht mich auf ein Motiv aufmerksam. Durch ein Fenster kann ich die Hämmer von oben einsehen. Also richtig interessant war auch dieser Hammer nicht, einzig der Eintrittspreis von drei Euro, gegenüber von 5,60 Euro für den Ohrdruffer Hammer, sind angemessen.

Der Frohnauer Hammer

Ich fahre noch zur Annakirche, ein schönes Natursteingebäude, um einige Photos zu machen. Ein Schwalbenfahrer sieht sich die Sache erst aus einiger Entfernung an, um dann aber doch, bevor ich wieder weiterfahre, zu mir zu kommen. Da seine Schwalbe einige Probleme macht, wollte er von mir einige Tipps haben - dabei denke ich, das ich hier im Schwalbenland bin. Es stellt sich aber heraus, das Uwe, so der Name des Schwalbenfahrers, eigentlich aus Köln kommt, und nur hier studiert.

Die Hügel des Erzgebirges

Am Abend im Restaurant meines Übernachtungsquartiers spricht mich der Kellner an, ob mir die Schwalbe vor der Türe gehört. Sein Schwager, der Koch des Familienunternehmens, meint, mich damit gesehen zu haben. Ich bestätige ihm, das ich mit der Schwalbe hier sei.

  „Sie sind aber mit dem Zug von Mönchengladbach bis in den Osten gefahren?“

Das es nicht so ist, ringt ihm gehörigen Respekt ab, und er muss sofort seinen Schwager in der Küche informieren.

  „Wir haben die Schwalbe höchstens für den täglichen Weg zur Arbeit genutzt.“

Die Karte

Der 9. Tag

Dienstag, den 13. Mai 2008

Auf nach Dresden

Diese Nacht konnte ich ohne Zwischenfälle durchschlafen, ich bin wohl noch der einzige Gast im Gasthof „Böhmisches Tor“. Auch im Restaurant ist nur ein Frühstücksgedeck aufgelegt. Die Schwalbe habe ich schon vor dem Frühstück gepackt, damit ich sofort losrollern kann.

Ich fahre heute nach Dresden, das etwa 140 Kilometer von Annaberg-Buchholz entfernt ist. Inge, die aus Mönchengladbach unterwegs ist, wird erst am Nachmittag ankommen, so das ich reichlich Zeit habe für den Weg. Einen Zwischenhalt habe ich beim Schloss Augustusburg vorgesehen. Im Schloss sind verschiedene Museen untergebracht, unter anderem ein Motorradmuseum.

Der Parkplatz vom Museum liegt vor dem Schlosshügel, was bedeuten würde, das ich den ganzen Weg zu Fuß gehen müsste. Bei diesen Temperaturen kein angenehmer Gedanke. Aber ich habe Glück, die Zulieferstraße nach oben ist nicht mit einer Schranke gesichert. Nur eine Ampel, die rot zeigt, kann mich doch nicht aufhalten, und ich bekomme wenige Meter vom Schlosstor einen schönen Abstellplatz für Schwalbe.

Motorradmuseum im Schloss Augustusburg.

BMW R 47, Bj. 1927, 500 ccm, 18PS, 125 Km/h.

Da es im Schloss Augustusburg insgesamt fünf Museen gibt, möchte mir die Dame an der Kasse natürlich sofort ein Kombiticket verkaufen. Da ich mich aber nur für drei der fünf entschieden haben, spare ich glatt 40 Cent. Das macht es natürlich nicht aus, aber ein „Museum für Jagdtier - und Vogelkunde“, in dem ausgestopfte Vögel stehen, und eine „Ausstellung zur Schloss- und Jagdgeschichte“ interessieren mich nicht so sehr. Also genügen mir die drei Eintrittskarten.

Als erstes gehe ich in das Motorradmuseum, in dem ausgesucht schöne, und erstklassig restaurierte, Motorräder stehen. Angefangen bei einem Reitwagen von Daimler aus dem Jahr 1885, den es aber nur noch als Kopie gibt, da das Originalfahrzeug 1903 verbrannte. Themenbereiche sind die Vier- und Zweitaktmotore, Fahrzeuge aus der ehemaligen DDR, und dem europäischen Ausland.

Nach den Motorfahrzeugen gehe ich zu den pferdeangetriebenen Fahrzeugen, das zweite Museum für mich ist das Kutschenmuseum. Durch einen Besuch des Museu dos Coches in Lissabon verwöhnt, möchte ich mir auch hier die Kutschen ansehen. Untergebracht ist es, stilecht, in der Remise des Schlosses. Es stehen einige schöne Kutschen im Museum, aber mit dem Lissabonner Museum ist das kein Vergleich. Dort standen sie in einer großen ehemaligen Reithalle und konnten von allen Seiten betrachtet werden. Hier darf ich sie nur von vorne ansehen. Um bessere Aufnahmen machen zu können, möchte ich doch näher ran.

Kutschenmuseum im Schloss Augustusburg.

Die Feuerspritze fand seit Beginn des 19. Jh. Verwendung im Schloss.

Info:

Kutschen

Zum Glück ist auf der Eintrittskarte ein Plan aufgedruckt, wo sich welches Museum befindet, denn der Eingang zum Folterkeller ist ein wenig versteckt. Der Keller ist schön zurechtgemacht, und erinnert an einen tatsächlichen Folterkeller. Wobei ich zugeben muss, noch nie unter echten Bedingungen in einer solchen Räumlichkeit meine Zeit verbracht zu haben. Dieser Keller ist aber ein echter Kerker. Er wurde gleich zu Beginn des Schlossbaues von Kurfürst August angelegt. Insgesamt waren es drei Räume, denn Meutereien oder sogenannte Empörungen der Handwerker waren auf solchen Baustellen nichts ungewöhnliches. Natürlich blieben die Kerker in der nachfolgenden Zeit nicht unbenutzt. Heute wird dort über Strafen und Foltergerät im Mittelalter informiert.

Foltermuseum im Schloss Augustusburg.

Nachdem ich diesen düsteren Raum verlasse, merke ich ein leeres Gefühl in meinem Magen. Der Imbiss im Innenhof des Schlosses kann mit einer Bratwurst Abhilfe schaffen. Dann fahre ich ohne Umwege Richtung Dresden. Auch die Bundesstraßen sind heute auf meiner Seite, keine Kraftfahrzeuge, die mich zwingen, die Richtung zu ändern. Selbst Robby Williams, der vor zwei Jahren in Dresden ein Open Air Konzert gab und damit einen Megastau verursachte, ist heute nicht in der Stadt. Ich kam seinerzeit von meiner Österreichtour zurück. Inge und ich trafen uns damals auch in Dresden. Aber heute ist kein Stau, und ich kann locker in die Stadt fahren. Mittlerweile sind meine Ortskenntnisse so ausgeprägt, das ich den Blick aufs GPS vernachlässigen kann. Kurz nach 14:00 Uhr bin ich in der Wohnung im Wachwitzgrund, um sofort unter die Dusche zu springen. Nach einiger Zeit kommt auch Inge an, und unsere Woche in Dresden beginnt.

Die Karte

Der 10. bis 15. Tag

14.  Mai bis 19. Mai  2008

In Dresden

Gottfried Semper, der Baumeister der Oper, vor der Frauenkirche

In dieser Woche bleibt Schwalbe ziemlich ungenutzt, außer für ein paar Aufnahmen in der Altstadt wird sie nicht bewegt. Da wir schon zum dritten Mal in Dresden sind, können wir unser Besuchsprogramm schön einrichten. Wir brauchen uns nicht an der langen Schlange vor der Frauenkirche anzustellen, da wir schon vor zwei Jahren drinnen waren. Bei irgendeiner Gelegenheit kommen wir am Kircheneingang vorbei, an dem aber niemand wartet, um herein zu gehen, und nehmen die Gelegenheit war, uns den Innenraum noch mal anzusehen.

Dieses Mal möchte ich mir die Oper auch von innen ansehen. Dort schlägt aber der Schlangestehenteufel erbarmungslos zu. Durch geschicktes Vorpfuschen gelingt es mir, mit in die nächste Gruppe zu gelangen. Allerdings geht mir Inge dabei verloren. Sie übertreibt es ein wenig mit dem Vordrängeln und gerät in die englischsprachige Gruppe, allerdings hat sie kein Geld mit. Während sie wieder hinaus geht, um mich zu suchen, gehe ich in das Opernhaus hinein. Eine Stunde muss sie auf mich warten.

Leider vergeht die Woche so schnell wie im Flug. Am Montagnachmittag mache ich mich fertig für die morgige Fahrt zum Spreewald. Inge hat mir frische Wäsche mitgebracht, die jetzt wieder verpackt wird. Neues 2-Takt-Öl kommt in die Koffer, und das GPS wird mit neuen Daten gefüttert.

Das Blaue Wunder. Stahlbrücke über die Elbe

Info:

Blaues Wunder

Die Karte

Der 16. Tag

Dienstag, den 20. Mai 2008

Unterkunft in der Hütte

Nach dem Frühstück heißt es Abschied nehmen - Inge fährt nach Mönchengladbach zurück - ich fahre weiter zum Spreewald, und Dresden bleibt da, wo es ist. Aber bevor sich unsere Wege trennen, fahren wir zum Blauen Wunder, wo ich noch ein Photo machen möchte. Gestern Abend waren wir nämlich in einem Biergarten unterhalb der Brücke eine Kleinigkeit essen, dabei ist mir aufgefallen, wie nahe man an Brücke und Elbe rankommt. Denn von der Straße sind keine vernünftigen Motive mit der Schwalbe zu verwirklichen. Inge bleibt mit Auto oben auf dem Parkplatz und ich fahre den Weg hinunter zum Ufer. Dort sehe ich, noch rechtzeitig, jede Menge Glassplitter. Zum Glück kann ich noch ausweichen. Nach den Photos geht es aber wirklich los.

 

Die Schwalbe fliegt wieder

Die Pause von einer Woche merke ich aber jetzt doch, mein Hintern macht sich schon früh bemerkbar; warte mit der die erste Pause aber bis zum Erreichen der fünfzig Kilometermarke. Mir ist, trotz Sonne, die des öfteren durch die Wolken blinzelt, kalt. Auch die Jacke, die ich noch unterziehe, kann da nicht mehr viel dran ändern. Nach weiteren fünfzig Kilometern mache ich die nächste Pause, die etwas länger ausfällt. Ich gönne mit einen kleinen Imbiss und mache eine Photo von einem Schwan, der sofort denkt, es fällt auch was für ihn ab. Aber Salami ist wohl nichts für einen Schwan, er muss sich selber was zu fressen suchen.

Der Schwan bekommt keine Salami

Irgendwo auf den kleinen Straßen, die mich näher an Lübbenau, meinem heutigem Etappenziel, bringen, biege ich falsch ab. Nach wenigen Metern fällt mir der Irrtum auf, und ich wende Schwalbe wieder. Beim Drehen komme ich nur ganz knapp an einem abgeschnittenen, dicken Ast einer Buschrose vorbei. Die Dornen sind mehrere Zentimeter lang. Wenn ich da drüber gefahren wäre, hätte die Rose meinen Reifen perforiert. Ich habe zwar einen Ersatzschlauch mit, aber beim besten Willen keine Lust, mitten auf der Straße eine Reifenpanne zu beheben. Aber ich habe Glück und kann die letzten Kilometer zu meiner vorgebuchten Pension zurücklegen.

Nach 120 Kilometer stehe ich vor der Pension, die ich erst nach längerem Suchen im Internet gefunden habe. Mein Wunschgasthof war leider schon ausgebucht, und auch einige andere Gasthöfe und Pensionen hatten keine Zimmer frei. Übermorgen ist ein Feiertag, und viele verlängern ihr Wochenende. Bei der Buchung in der Pension „Am alten Bauernhafen“ sagte mir die Wirtin, das ich während meiner Zeit das Zimmer wechseln muss, wenn ich hier übernachten möchte. Da ich nicht viel Gepäck habe, ist das kein Problem für mich. Der „Alte Bauernhafen“ liegt an einem Fließ, und die Wirtsleute verleihen auch Boote, was mir die Rennerei nach einem Bootsverleiher im Ort erspart. Da kann ich schon mal das Zimmer wechseln.

Ich gehe auf dem Hof und klopfe an einer Türe.

  „Kann ich was für sie tun“ fragt mich die Wirtin, die aus dem zurückliegenden Wohnhaus kommt.

  „Mein Name ist Mohr, und Sie haben ein Zimmer für mich“.

  „Nein, ich erwarte heute nur noch zwei Paare, haben sie denn gebucht?“

Ich erkläre ihr, das ich mit einer Dame telefoniert habe, ob sie das gewesen sei, weiß ich nicht. Auch die Sache mit dem Umzug erzähle ich ihr, in der Hoffnung, das dann der Groschen fällt. Im Augenblick kann sie sich aber nicht daran erinnern. Auch das ich nach dem Anruf eine Mail geschrieben habe, sage ich ihr. Sie würde immer eine Buchungsbestätigung schicken, die ich natürlich nicht erhalten habe. Woher soll ich auch wissen, das es so gehandhabt wird?

  „Vielleicht kennen Sie ja noch irgendwo eine Pension, wo ich bis Freitag übernachten kann“?

  „Moment mal, ich habe da noch was. Eine Hütte im Garten. Sie können sich die ja mal ansehen. Wir haben die mal für den Fall aufgestellt, das wir überbucht haben, was mir in zwölf Jahren heute zum zweiten Mal passiert ist“.

Bei dem Wort Hütte werde ich sofort hellhörig, und Erinnerungen an Südtirol kommen auf, wo ich ja auch in einer Hütte übernachtete.

Wir gehen durch den langen Garten zu einer Hütte mit Bett, Küche und Badezimmer. Sie entschuldigt sich für die Kartons mit Gurkengläser, die auf dem Boden stehen, ihr Mann aber abholen würde. Mir gefällt es hier sofort, und wir werden uns einig.

  „Wenn mein Mann von der Kahnfahrt wiederkommt, kann er auch noch den Fernseher anschließen“, was mir aber nicht so wichtig ist. Da sie den Warmwasserboiler gerade angestellt hat, beschränke ich mich auf eine kurze Katzenwäsche, und gehe zu Fuß in den alten Ortskern von Lübbenau, auch um ein Restaurant für heute abend ausfindig zu machen.

Das Spreewaldmuseum in Lübbenau

Das Wasser wird wahrscheinlich noch einige Zeit brauchen, bis es angenehme Duschtemperaturen hat, so besuche ich noch das Spreewaldmuseum. Danach trolle ich mich wieder zu meiner Hütte, werde schon am Eingang des Geländes von Frau Kusche abgefangen, ob ich in der Hütte noch einen Schlüssel gefunden habe,

  „sonst hätte mein Mann die Gurken schon abgeholt“.

  „Ich habe keinen Schlüssel gefunden, habe aber auch nicht darauf geachtet“.

Wenige Minuten später kommt ihr Mann mit einer Schubkarre, und wir laden gemeinsam die Gurken auf.

  „Aber einen Schlüssel habe ich nicht gefunden“.

  „Können Sie auch nicht, den habe ich nämlich irgendwo hingelegt, weiß aber nicht mehr wo“. Nachdem er die Gurken weggebracht hat, kommt er noch mit einem Fernseher, den wir gemeinsam an der Sat-Receiver anschließen. Frisch geduscht gehe ich noch mal in die Altstadt, um meinen Magen zu füllen.

Die Karte

Der 17. Tag

Mittwoch, den 21. Mai 2008

Ich gehe aufs Wasser

Die Hütte ist klasse, sie liegt ruhig, direkt am Flies, und die Fenster sind mit Insektenschutz versehen, damit ich einen unbeschwerten mückenlosen Schlaf genießen kann. Das Frühstücksbuffet, das vorne im Haus eingenommen wird, ist sehr reichlich. Es gibt sogar verschiedene Sorten Leberwurst. Auch die bekannten Spreewälder Gurken stehen dort in verschiedenen Variationen. Da kann wirklich niemand meckern. Nach dem Frühstück frage ich Herr Kusche, ob ich heute ein Boot haben könnte.

  „Kein Problem, ich lege es schon mal ins Wasser, dann können Sie sofort loslegen.“

  „Kann ich die Kamske“, so heißt das Flies neben meiner Hütte, „in südliche Richtung fahren, um in den Südumfluter zu gelangen“.

Das wäre nämlich eine große Abkürzung für die Tour, die ich mir auf der Karte schon angesehen habe.

  „Nein, dann müssten Sie das Boot aus dem Wasser holen, und das sind einige hundert Meter, fahren Sie lieber entgegengesetzt, dann in den Stadtgraben, das ist einfacher“.

Einfacher ja, aber auch um einiges weiter. Aber egal, der Weg ist das Ziel. Auf einer Karte, die mir der Pensionswirt anbietet, kann ich dankend verzichten. Ich habe mir schon vorab eine schicken lassen, um einen Überblick über das Kanalsystem zu bekommen. Außerdem habe ich im Internet einige GPS-Tracks gefunden. Mit Hilfe von Google Earth sind auch noch einige Wegpunkte ins GPS gewandert. Die kleine Kamera ist wasserdicht in eine spezielle Kunststoffhülle verpackt, und im Stoffbeutel ist ein wenig Proviant für unterwegs. So gerüstet kann meine erste Kanutour losgehen.

Na, klappt das Paddeln bei Dir denn?

Das Boot, ein Zweier-Kanu, liegt an einem kleinen Steinanlieger. Das Paddel quer über dem Boot und auf den Steinen, damit es sich nicht selbstständig machen kann. Mal sehen, ob ich trocken, ohne zu kentern, ins Boot komme. Paddel ins Boot, damit sie nicht nachher in der Kamske schwimmen, und ich mit den Händen paddeln muss, die Leine festhalten, und vorsichtig einen Fuß auf den wackeligen Boden. Aber es geht. Ohne großartig nass zu werden, sitze ich im Boot, schalte das GPS an, und paddle langsam los.

Alles ein wenig ungewohnt, aber ich fahre relativ gerade das Fließ entlang. Die meisten Grundstücke haben Einstiegsstellen für Boote, die entweder eingezäunt sind oder von Hunden in allen Größen lautstark bewacht werden. Besonders erschrecke ich mich vor einem Schäferhund, der völlig unerwartet aus dem Gebüsch kommt und kläffend am Ufer steht. Außerdem bin ich recht nah an seiner Uferseite. An der ersten Kreuzung biege ich rechts ab, wie ich es noch aus der Karte weiß. Einige hundert Meter weiter kommt die nächste Kreuzung, an der ich aber nach hinten greife, um meine Tasche mit der Karte hervorzukramen. Die Tasche ist wohl da, aber keine Karte darin. Kursänderung um 180°, denn ohne Karte kann man im Spreewald keine Kanutour machen, dazu ist das Kanalnetz zu verzweigt.

 

Herr Kusche staunt nicht schlecht, als ich wieder am Anlieger festmache.

  „Schon wieder zurück“?

  „Das war nur ein Probepaddeln, jetzt fange ich richtig an, und nehme auch die Karte mit, die in der Hütte liegt“, sage ich mit einem Lächeln.

  „Ja, ohne Karte geht das nicht, dann muss man sich schon gut auskennen um klar zu kommen“.

Ich fahre nun zum dritten Mal an dem Schäferhund vorbei, eigentlich müsste er mich doch so langsam kennen, aber trotzdem regt er sich schon wieder über mich auf. Habe jetzt aber mehr Abstand zu Ufer. An der Kreuzung, wo ich vorhin umdrehte, nehme ich jetzt die Karte, um mich weiter zu orientieren. Immerhin sind so aus einem Kilometer deren drei geworden. Ich fahre in die Spree, mache aber einen Bogen um den Lübbenauer Kahnhafen, der für Privatboote gesperrt ist, und komme zu meiner ersten Schleuse. Die „Schneidemühle“, wie die Schleuse heißt, wird aber zu meinem Glück bewirtschaftet, und ich brauche mich nur festzuhalten, bis sich der Wasserstand angepasst hat. Weiter geht die für mich völlig ungewohnte Fortbewegungsart.

So ganz überzeugt bin ich von dieser Art der Fortbewegung nicht

Eigentlich hatte ich vor, das Freilandmuseum in Lehde anzufahren. Aber dort liegen viele Boote und stehen noch mehr Fahrräder, so das ich auf einen Besuch des Freilichtmuseums verzichte. Lieber fahre ich weiter in die Tiefe des Spreewaldes. Das GPS zeigt mir an, das die zweite Schleuse nicht mehr weit weg ist. Da ich hier mitten im Nirgendwo, quasi Natur pur, bin, kann ich mir nicht vorstellen, das die bewirtschaftet wird. Ist sie auch nicht, aber ich habe Glück. Ein Pärchen hat die Schleuse gerade passiert, und der Mann ist noch nicht zurück im Boot, er winkt mir schon aus der Ferne zu:  ich soll in die Schleuse hineinfahren.

  „Alleine ist das ja großer Aufwand, da kann ich Dir eben helfen“.

  „Besten Dank dafür, und noch einen schönen Tag“, verabschiede ich mich von den beiden, nachdem ich durch die Schleuse bin.

Wieder wurde ich verschont, die Schleuse alleine zu bedienen. Der Arbeitsablauf sähe folgendermaßen aus:

Anlegen, aus dem Boot aussteigen, und festmachen.

Den Wasserspiegel mittels Hebel, die einen Schieber betätigen, auf das Bootniveau angleichen. Das Tor öffnen.

Einsteigen - in die Schleusenkammer fahren. Aussteigen, Boot locker festmachen.

Schleusentor schließen, Wasserstand auf das Ausfahrniveau angleichen, Tor öffnen.

Wieder ins Boot, aus der Schleusekammer ausfahren. Aussteigen, Boot festmachen.

Schleusentor schließen.

Einsteigen, weiterfahren.

Anstatt den ganzen Zinnober zu bewerkstelligen, kann ich lieber eine gemütliche Snackpause einlegen. Jetzt werden die Mücken aktiv. Während des Paddelns bleibe ich verschont von ihnen, aber während der Pause wollen sie ihren Hunger stillen. Eine schafft es, ihren Hunger an meinem Nacken zu stillen. Ich fahre schnell weiter. An einer Kreuzung muss ich mich entscheiden: nehme ich die rote Route von 20 Kilometer, oder kürze ich über die gelbe Route, die drei Kilometer kürzer ist, ab? Ich spüre von der, für mich ungewohnten, Bewegung einen Schmerz in den Oberarmen, den man wohl Muskelkater nennt. Allerdings wusste ich bis heute nicht, das an dieser Stelle überhaupt Muskeln sind. Also, lange Rede kurzer Sinn, ich nehme die gelbe Route.

Viel Grün und Wasser im Spreewald

Einige Kilometer weiter wartet die nächste Schleuse auf mich. Wieder habe ich das Glück auf meiner Seite. Kurz zuvor hat mich ein junges Pärchen in einem Zweier überholt. Er steht noch auf der Schleuse und wartet, bis ich das Schleusentor erreicht habe. Somit habe ich auch die letzte Schleuse ohne Bewirtschaftung, die ich heute passiere, ganz einfach hinter mir gebracht. Meine Arme schmerzen immer mehr. Ich habe schon die Technik, wie ich die Paddel bewege, geändert, damit mal ein paar andere Muskeln belastet werden. Wenn mich ein ambitionierter Paddler sehen würde, ich glaube, der schlägt die Hände über seinen Kopf zusammen. Aber egal, ich komme vorwärts.

 

Kurz vor meinem Ziel, dem „Alten Bauerhafen“, laufe ich auf ein Pärchen auf, die den gleichen Bootstyp haben wie ich. Sie haben das Paddel geteilt, und sind eher im Kanadierstil unterwegs. Allerdings klappt das Zusammenspiel nicht so ganz. Sie fahren kreuz und quer durch das Fließ. Von links nach rechts, dann wieder nach links, oder noch rechter mit Anstoßen ans Ufer.

  „Überholen sie uns ruhig“, sagt er, während er das Boot am Ufer festhält.

  „Danke, aber ich glaube, wir haben das gleiche Ziel“.

  „Ja, das stimmt wohl, Sie sind doch viel schneller wie wir“.

  „Das sagen Sie so. Mir fallen aber schon die Arme runter, und war froh, so ein bisschen lau vor mich hin zu paddeln“.

Mit diesen Worten überhole ich die zwei, mit meiner letzten Kraft, die ich aus den geschundenen Oberarmen rausholen kann. Immerhin schaffe ich es noch, am Aussteiger vom Bauernhafen, das Boot an Land zu ziehen.

GPS zeigt mir nicht nur auf der Scwalbe den Weg

Am Abend gehe ich wieder in das Restaurant, wo ich auch gestern war. Der Muskelkater ist jetzt schon so stark, das ich kaum den Stuhl zurechtrücken und nur mit Anstrengung die Speisekarte halten kann. Wie gestern bestelle ich mir als erstes ein Weizenbier. Dann zum Essen - heute ein Rinderfilet mit Waldpilzen - einen trockenen Rotwein. Das alles ist sehr bekömmlich. Zum Abschluss dann einen Obstschnaps. Auf dem Heimweg zu meiner Hütte fällt mir bei einem Herrenausstatter ein Hemd auf, das mir sehr gut gefällt. Da ich heute etwas später als gewöhnlich dran bin, ist der Laden schon geschlossen, aber morgen werde ich mal sehen, ob das Hemd in meiner Größe zu bekommen ist.

Die Karte

Der 18. Tag

Donnerstag, den 22. Mai 2008

Die Kette, das schwächste Glied

Der Muskelkater in den Oberarmen läuft heute morgen zu Höchstform auf, und somit war das vorläufig die letzte Paddeltour, die ich gemacht habe. Schwalbe kann wieder zeigen, was sie drauf hat. Aber eigentlich möchte ich es heute wieder ruhig angehen lassen. Nach dem Frühstück bin ich unterwegs zur Abräumförderbrücke F 60, die, nur vierzig Kilometer entfernt, bei Lichterfeld steht. Dort war das Braunkohle Abbaugebiet „Klettwitz-Nord“, das 1992 stillgelegt wurde. Das Gebiet wird im Augenblick noch renaturiert, nur die Förderbrücke ist als technisches Museum vom Braunkohlenabbau stehen geblieben. Ich komme vor zehn Uhr; der Öffnungszeit der Förderbrücke; auf dem Parkplatz an. Es stehen schon zwei Paare ungeduldig vor der nicht besetzten Kasse, um eine Ticket zu erwerben. Immerhin erhöht sich durch die vier die Chance, das eine Führung stattfindet, weil ich mir nicht vorstellen kann, das noch viele Menschen an einem Donnerstag hier vorbeikommen.

Bergwerk in luftiger Höhe

Kurz bevor die Kasse geöffnet wird, fahren tatsächlich noch einige Autos auf den Parkplatz. Die Eintrittskarte gelöst, und schon geht es zum Treffpunkt für die Führungen. Und obwohl die Stahlkonstruktion, die ich besuchen möchte, 80 Meter über den Erdboden reicht, spricht man hier von einem Besucherbergwerk. Nachdem die Gruppe mit Helmen versorgt ist, besteigen wir den Stahlgiganten, der in den Jahren 1988 bis 1991 von der VEB TAKRAF Lauchhammer (heute MAN TAKRAF) erbaut wurde. Drei Jahre Bauzeit, und nur 16 Monate in Betrieb. Nach der Wende wurde das Braunkohlengebiet stillgelegt und die Abräumförderbrücke sollte verschrottet werden. Bis sich einige tatkräftige Menschen zu einen Förderverein zusammenfanden, und potentielle Geldgeber fanden, um das Industriedenkmal zu erhalten. Der Vorteil dieser Förderbrücken ist, das der Abraum auf der einen Seite abgebaggert wird, und gleichzeitig 500 Meter weiter zum Aufschütten benutzt wird. Dazu kann das Teil auf 760 Fahrwerksräder weiter in Querrichtung bewegt werden. Die Bewegung in Längsrichtung übernehmen spezielle Fahrzeuge, die die Schienen in Betrieb und automatisch umlegen können.

Stufen und Stege bringen mich 75 Meter in die Höhe

Mittlerweile hat die Gruppe die oberste Höhe des Stahlkolosses erreicht. Wir befinden uns 75 Meter über Grund, mit einer schönen Aussicht über die Lausitz. Neben der Abräumbühne entsteht ein Freizeitpark mit einem See, der seine geplante Wasserhöhe noch nicht hat. Nachdem ich wieder im Bergwerkzentrum stehe, bin ich während einer interessanten Führung etwa 1,5 Kilometer durch das Stahlgerüst gelaufen. Eine Bratwurst lässt das leere Gefühl im Bauch verschwinden, außerdem habe ich Gelegenheit, nach einer Tankstelle zu fragen, da ich kurz vor dem Parkplatz auf Reserve geschaltet habe.

  „Das ist kein Problem, in Finsterwalde sind Tankstellen“, sagt die freundliche Dame von der Wurstbraterei. Finsterwalde ist sechs Kilometer entfernt, also kein Problem. Ich fahre lieber diesen Umweg, um dann entspannt zurück zum Spreewald, zu einer Mühle, die ich mir ansehen möchte, zu fahren.

Nur ein Stillleben

In Finsterwalde (ja, die Sängerstadt) findet sich schnell eine Tankstelle, aber nicht nur der Benzinvorrat geht zur Neige, auch mein Vorrat an Bargeld lässt zu wünschen übrig. Da passt es, das gegenüber dem Spritverkäufer auch ein Geldverkäufer, sprich eine Sparkasse ,sein Quartier hat. Nachdem ich Tank und Geldbörse aufgefüllt habe, schiebe ich Schwalbe rückwärts auf dem Gehweg. Dabei höre ich merkwürdige Geräusche. Zuerst denke ich, das der Leerlauf nicht richtig eingelegt ist und schalte das Getriebe bei stehenden Motor mal durch. Aber trotzdem bleiben die Geräusche beim Schieben. Der Motor lässt sich aber normal starten, nur fahren will Schwalbe nicht. Beim Losfahren merke ich sofort, das irgendetwas blockiert ist.

 

Ich schalte den Motor aus. Jetzt lässt sie sich auch nicht mehr rückwärts rollen. Nur mit Mühe bekomme ich sie auf den Hauptständer. Bei der Ursachenforschung fällt mir am Hinterrad ein gerissener Kettenkasten auf. Ich löse das Hinterrad mit meinem Bordwerkzeug, das ich immer mithabe, und sehe die Bescherung. Die Kette ist gerissen. Mit vielen Defekten hätte ich gerechnet, aber das die Kette reißt, im Leben nicht. Aus diesem Grund habe ich auch keine Ersatzteile, außer einer Zündkerze und einem Döschen mit Reparaturzüge, mit. Man hat sowieso nicht das Richtige mit, wie man jetzt wieder sieht. Eine Kette hätte ich nie mitgenommen.

Nach einigem Minuten des Überlegens ist mir klar, was ich machen muss. Ich schreibe mir die zwei Straßen der Kreuzung, an der ich stehe, auf und rufe den ADAC, wo ich Mitglied bin an.

  „Warten Sie einen Augenblick. Sie werden zum nächsten freien Serviceplatz verbunden“.

Lange brauche ich diese Ansage nicht zu hören, und schon habe ich eine Mitarbeiterin aus Fleisch und Blut an meinem Ohr. Sie möchte wissen, wo ich stehe und um welches Fahrzeug es sich handelt.

  „Simson? Das habe ich nicht im Verzeichnis, welcher Typ denn?“

  „Das ist eine Schwalbe“.

  „Kann ich auch nicht finden“.

  „Dann schreiben Sie doch 50 cm³ Roller“.

  Welcher Schaden liegt den vor?“

  „Die Kette ist gerissen“.

  „Ja – welche Kette?“ Oh Mann

  „Die Antriebskette!“

  „Ich glaube nicht, das unser Pannenfahrzeug das Ersatzteil mit an Bord hat. Dann schicke ich besser einen Abschleppwagen“.

Wie soll auch ein ADAC-Pannenfahrzeug für einen  knapp 30 Jahre alten Roller eine Kette mithaben?

  „Ja, das ist in Ordnung“

Nachdem ich noch Farbe und Kennzeichen übermittelt habe, bekomme ich noch die Info, das ich auf mich aufmerksam machen soll, wenn ich den Abschleppwagen sehe. Welche Möglichkeiten habe ich mit einer flügellahmen Schwalbe und einem Abschleppwagen.

1. Die Tour mit dem Abschleppwagen und Schwalbe Huckepack fortsetzen. Die Idee wird sofort von mir als unrealistisch verworfen.

2. Nach Lübbenau bringen lassen. Dort gibt es in der Innenstadt einen Fahrradhändler, der im Schaufenster Simsonteile liegen hat. Dort werde ich bestimmt auch eine Kette bekommen, notfalls auch vom Fahrrad.

3. Der Fahrer des Abschleppwagens kennt hier einen Laden, der Ersatzteile hat, oder sogar repariert, immerhin bin ich hier mitten im Simsonland.

 

Nach dreißig Minuten warten kommt ein gelber Opel Frontera mit einem Anhänger. Während er sich umblickt und die blaue Schwalbe sieht, versuche ich auf mich aufmerksam zu machen, wie es die Dame am Telefon mir empfohlen hat. Der Fahrer winkt zurück und dreht noch eine Runde, damit er mit seinem Gespann auf der richtigen Straßenseite steht. Nachdem Schwalbe auf dem Hänger mit Gurten befestigt steht, fragt der freundliche Fahrer, was wir jetzt am besten machen sollen.

  „Entweder nach Mönchengladbach“, sage ich mit einem Lächeln auf den Lippen, „oder nach Lübbenau in die Pension, oder Sie kennen hier einen Laden der ‚ne Kette wechseln kann“.

Lübbenau ist ihm etwas weit, aber in der Nähe ist ein Opelladen, wo er fragen möchte, ob hier eine Reparaturmöglichkeit besteht.

  „Die kennen sich hier besser aus als ich“.

Mit einer zuversichtlichen Miene kommt er aus dem Laden heraus.

  „Nicht weit von hier ist ein Honda Motorradhändler, der kann ihnen bestimmt helfen“.

Kann aber sein, das die Ketten einer 1000er Honda etwas üppig für ‚ne Schwalbe sind. Aber egal, erst mal sehen, was der Händler sagt.

  „Da habe ich bestimmt noch was da“, sagt der Chef der Motorradwerkstatt, die wir in fünfzehn Minuten vorsichtiger Fahrt erreicht haben. Und tatsächlich holt er aus dem Lager eine Simsonkette, die zwar etwas länger ist als die der Schwalbe, was aber für so einen Betrieb kein Problem darstellt. Das einzige Problem für den Chef ist, das er keinen freien Mitarbeiter hat. Einer ist krank, der andere hat Urlaub, und der Bernd muss noch an den Kundenmaschinen arbeiten.

  „Das ist kein Sache, die Kette kann ich selber wechseln, Werkzeug habe ich auch genug  mit“, ist meine Antwort auf die Bedenken von Herren Steppan.

  „Dann ,ollen Sie das Schätzchen mal auf die Bühne, ich kürze in der Zwischenzeit mal die Kette“.

  „Das ist das neue Modell“, meint Herr Steppan zu dem ADAC-Mann „da sind die Ketten kürzer als beim alten Star“

Beide sehen sich an, und fangen an zu lachen

Das neue Modell, nur knapp 30 Jahre alt.

Auf der Bühne fixieren wir Schwalbe am Vorderrad, damit das Hinterrad frei ist. Mit der Hilfe und Tipps vom Chef wechsle ich die Kette und den Kettenkasten, der ja auch gerissen ist. Während ich vor der Bühne stehe; an der man ausgesprochen bequem arbeiten kann, kommt ein anderer Kunde um seine Honda abzuholen.

  „Was ist das denn? Ist ja wie in alten Zeiten“, grüßt Peter, als er die Schwalbe auf der Bühne stehen sieht.

  „Im Schuppen habe ich auch noch so eine Schwalbe stehen, da könnte ich auch mal wieder sehen, ob die noch anspringt“.

Das ist aber überall so. Sobald die Leute hören, das man mit einer Schwalbe auf Tour ist, fällt ihnen ein, das irgendwo noch eine rumsteht, und mal wieder fertiggemacht werden müsste.

Nachdem ich meine Finger versuchsweise gereinigt, die Ersatzteile bezahlt, mich für die Hilfe bedankt habe, bin ich auf dem Rückweg zu meiner Pension. Den Besuch der Mühle kann ich, da es zu spät geworden ist, vergessen. Lieber fahre ich zum Zimmer und versuche meine Finger in einem sauberen ausgehwürdigen Zustand zu bringen, damit ich ein letztes Mal im Restaurant Mühlenwehr das Essen genießen kann. Außerdem möchte ich mir heute abend das Hemd aus dem Laden kaufen.

Das Essen ist wieder hervorragend. Nur mit meinem Hemdenkauf habe ich weniger Glück. Ich komme um 18:05 Uhr aus dem Restaurant, und wundere mich, das die Läden ihre Außenständer schon reingeholt haben. In Lübbenau schließen die meisten Läden um 18:00 Uhr, so auch das Geschäft mit meinem Hemd. Also gut, dann gibt es halt kein Hemd. Morgen bin ich ja schon zum Harz unterwegs.

Die Karte

Der 19. Tag

Freitag, den 23. Mai 2008

Wieder Richtung Westen

Um viertel nach neun bin ich wieder unterwegs, um zum letzten Mal mein Übernachtungsquartier zu wechseln. Es geht nach Wernigerode im Harz, das etwa 250 Kilometer von Lübbenau entfernt ist. Aber im Augenblick kann ich mir nicht vorstellen das ich dort ankomme. Nicht etwa Schwalbe macht Probleme, sondern ich habe sie. Ich komme nicht mit den Pollen klar, mir brennen die Augen, die Nase läuft aus, und das Niesen will überhaupt nicht aufhören. Trotz der Augentropfen, die ich normalerweise während des Fahrens überhaupt nicht nehmen muss. Bei einer Pause, oder am Ziel, wenn der Fahrtwind nachlässt, fangen manchmal die Augen an zu jucken, aber noch nie während der Fahrt. Ich kann den Staub aus den Getreidefelder, fast wie Nebelschwaden; aufsteigen sehen. Und wogegen bin ich wohl allergisch?

Zu allem Übel kommt mir schon nach zwanzig Kilometer wieder eine Kraftfahrzeugstraße in die Quere. Also nicht um Luckau herum, sondern mitten durch. Mit dem GPS halte ich im Ort die grobe Richtung, und finde dann auch wieder die B 102, die uns weiter nach Westen bringt.

Erst in Jessen, nach zwei Stunden Fahrt, hört das Augenjucken auf, nur die Nase kann das Laufen nicht lassen. Aber das stört mich nicht all zu sehr. Zeitweise konnte ich durch die Tränen in den Augen das GPS nicht vernünftig erkennen. Heute hadere ich aber wirklich mit mir selber. Die Motorradjacke reibt mir am Hals, außerdem ist mir kalt. Selbst die Musik vom MP3-Player geht mir heute auf den Zwirn. Ich ziehe mir die Jacke von meinem Sportanzug an und sehe, das mein Hals durch die Mopedjacke rot gerieben ist. Kann es denn sein, das so eine Jacke nach knapp 2000 Kilometer reibt, und vorher nicht. Ich denke, mich würde heute auch die berühmte Fliege an der Wand stören. So kenn’ ich mich gar nicht.

Kein gutes Fahren heute. Kämpfe mit den Pollen und dem Kragen der Jacke

Die Strecke ist eigentlich schön; es geht lange Zeit am Elbufer vorbei, wobei die Erinnerungen an Dresden wieder wach werden. Um 16:05 Uhr stelle ich Schwalbe, die ohne Murren die Strecke gelaufen ist, auf dem Parkplatz der Pension „Zur neuen Quelle“ ab. Ich bekomme ein schönes Zimmer, das leider zur Straße hinaus geht, gezeigt. Aber die Fenster sind gut geräuschisoliert, so das die Straße nicht allzu sehr stört. Außerdem bekommt Schwalbe einen Platz auf dem Innenhof, damit sie nicht abhanden kommt.

Beim Abendessen meint die Kellnerin, das Wernigerode wohl ausgebucht sei. Vier mal kommen Leute in die Gaststube und fragen nach Zimmer. Jedes Mal muss sie eine negative Antwort geben, selbst eine befreundete Pension ist schon voll und kann niemanden aufnehmen. Klar, heute ist Freitag und gestern war in verschiedenen Bundesländern ein Feiertag. Da kann ich wieder froh sein, vorher gebucht zu haben

Die Karte

Der 20. Tag

Samstag, den 24. Mai 2008

Flugzeuge im Harz

An diesem Samstagmorgen bin ich schon vor dem Öffnen der Hallen des Luftfahrtmuseums auf dem Parkplatz. Jetzt kann ich in Ruhe Aufnahmen mit der Schwalbe und einer Antonow 2, dem größten einmotorigen Doppeldecker, die auf dem Vorplatz steht, machen. Das Museum liegt in einem Gewerbegebiet in Wernigerode, nur ein paar Kilometer von meiner Pension entfernt. Der Motor von Schwalbe ist noch nicht mal richtig warm, schon muss sie für die Photos posieren.

Schwalbe vor dem Luftfahrtmuseum

Für 3,50 € komme ich in die Museumshallen, das heißt, zuerst lenkt eine Glasvitrine die Aufmerksamkeit auf sich. In dieser Vitrine liegen die verschiedensten Armaturen aus ausgemusterten Fliegercockpits. Zum Glück, oder leider, keine Uhr. Sonst wäre ich vielleicht noch schwach geworden. In der ersten Halle, die ich betrete, stehen schön aufgebaut die verschiedensten Flieger und Hubschrauber. Überwiegend militärisch genutztes Gerät, welches das Museum in den unterschiedlichsten Erhaltungszuständen zur Verfügung gestellt bekommen hat. Es steht die Cockpitkanzel einer Bréguet Atlantic; einem See- Aufklärer; und eine Lockheed F-104, besser bekannt als Starfighter, in den Hallen. Beim Starfighter habe ich erst die Vermutung, das man ihm aus Platzgründen die Flügel gestutzt hat. Aber beim Studium der Infotafel lese ich, das es wirklich nur 6,68 Meter sind. Um in die Cockpits zu sehen, hat man extra Treppen an die Flieger gestellt. Hier sind die Flieger hautnah, anders als in der vorigen Woche im Kutschenmuseum, die nur aus der Ferne angesehen werden durften.

Cockpit der F-104 Starfighter

Info:

F - 104 Starfighter

Nach dem Flugzeugmuseum fahre ich zum Schloss Wernigerode, was aber gar nicht so einfach ist. In der Innenstadt sind einige Straßen aufgerissen und zwingen Schwalbe und mich, verbotene Wege zu nehmen. Aber irgendwann stehe ich doch auf dem Parkplatz des Schlosses, was mich zwar dazu nötigt, den Weg nach oben zu Fuß zu gehen. Aber oben, vor dem Schloss, ist wirklich kein Platz, Schwalbe abzustellen.

Das Schloss kann zum Glück ohne Führung besichtigt werden, was das photografieren, das leider wieder mal verboten ist, enorm erleichtert. Ich packe die große Kamera in die Tasche, und hänge die Kleine locker um das Handgelenk. Das Menü ist auf Langzeitbelichtung ohne Blitz eingestellt, wie auch der Ton für den Auslöser abgestellt ist. Der Rundgang führt mich als erstes in die Kapelle, in der wohl im Augenblick eine Hochzeit vorbereitet wird. Viele Blumen; Stühle zugestellt; und eine geschmückte Bank für das Paar aufgestellt. Auf der Empore steht schon ein Chor, der sich einsingt. Ich gehe lieber weiter zu den Räumen, die Graf Otto zu Stolberg-Wernigerode mit dem ausgehenden 19. Jahrhundert, zu Repräsentationszwecken, umgestalten ließ.

Nach dem Schlossbesuch verspüre ich wieder diese Leere im Magen, die aber auf einer Gaststättenterrasse wieder beseitigt werden kann. Da ich lieber am Abend in meinem Gasthof, bei einem Glas Bier, vernünftig essen möchte, suche ich mir nur eine Kleinigkeit aus der Karte aus.

  „Ich hätte gerne die Bratwurst, aber statt Sauerkraut, wie in der Karte, lieber Pommes.“

  „Das ist aber dann ein Kinderteller“, ist der Kommentar der Kellnerin. Meint aber auf meinen fragenden Blick, das es kein Problem ist. Da sich die ganze Sache etwas hinzieht, bezahle ich mit dem Servieren der Bratwurst auch meine Rechnung.

Schloss Wernigerode. Rot und Blau, wenn auch nicht von der Schwalbe, sieht ebenso gut aus wie Gelb und Blau

Wenn ich schon mal im Harz bin, möchte ich auch eine Rundfahrt durch den selbigen machen. Ohne großartige Routenplanung fahre ich Richtung Braunlage. In Drei Annen steht am Bahnhof die Dampflok der Harzer Schmalspurbahn. Das wäre ein schönes Motiv, Schwalbe mit einer Dampflok. Ich fahre weiter bis zu einem Bahnübergang, an dem es, wegen der Autos, etwas schwierig ist, Schwalbe in Position zu bringen. Ein paar hundert Meter weiter verlieren sich die Gleise im Wald, um dann wieder auf der rechten Seite aufzutauchen. Und schon habe ich eine schöne Stelle gefunden. Jetzt brauch’ ich nur noch zu warten, bis der Zug angerollt kommt. Nach einiger Zeit kommen mir aber doch Zweifel, ob die Lok hier überhaupt vorbeikommt. Nach dem Bahnübergang, bevor die Gleise im Wald verschwanden, waren sie rechts der Straße. Wo ich jetzt stehe, sind sie aber links. Ich hätte ja die Gleise wieder kreuzen müssen. Ein paar Meter von meinem Standort ist eine Bushaltestelle, an der eine Infotafel hängt. Dort ist auch grob der Bahnverlauf eingezeichnet. Eine Linie geht zum Brocken (die Brockenbahn) und eine bis nach Nordhausen, an der ich jetzt stehe. Die Harzquerbahn, die aber viel weniger frequentiert wird. Es ist also viel wahrscheinlicher, das der Zug zum Brocken hochfährt und hier nicht vorbeikommt.

Ich schmeiße den Schwalbenmotor an, um weiter durch den Harz zu fahren. Kurz hinter Braunlage mache ich aber den Schwenk wieder zurück nach Wernigerode. Vielleicht bei dem sonnigen Wetter noch ein paar Aufnahmen von der Altstadt machen, die sehr schön sein soll. Mitten im Wald muss ich Schwalbe auf Reserve stellen. Wir fahren noch einige Kilometer bis zur Abzweigung nach Schierke. Nach zwei Kilometer beginnt der Ort, wo von einer Tankstelle nichts zu sehen ist. Bevor ich mich hier dusselig fahre, frage ich lieber jemanden.

  „Nein, hier gibt es keine Tankstelle, nur in Braunlage oder Wernigerode“.

Braunlage ca. 10 Kilometer, Wernigerode ca. 14 Kilometer. Nach Braunlage fast nur bergauf, nach Wernigerode fast nur bergab. Ich entscheide mich für bergab, und somit für Wernigerode. Was auch richtig ist, denn lange Streckenabschnitte kann ich mit gezogener Kupplung im Leerlauf rollen. Immerhin sind diese Streckenabschnitte so steil, das wir über 70 Km/h schnell werden.

 

Nach dem Tanken stelle ich Schwalbe in der Nähe der Altstadt ab. Wernigerodes Innenstadt gehört zu den schönen mittelalterlichen Fachwerkstädten, die Deutschland zu bieten hat. Auch die modernen Bauten, zwischen dem Fachwerk, sind schön angepasst und fallen nicht unangenehm auf.

 

Das Abendessen war wieder hervorragend, wie auch der ganze Tag schön war. Nicht nur wettertechnisch. Im Gegensatz zu gestern, wo ich doch schwer mit den Pollen zu kämpfen hatte, geht es mir heute klasse. Gestern Nachmittag war ich doch durch die Pollengeschichte richtig erschöpft, und konnte mir überhaupt nicht vorstellen, wie ich so die 400 Kilometer nach Hause schaffen kann. Aber heute bin ich wieder gut drauf, und freue mich quasi schon auf Übermorgen, auf die lange Tour, die vor mir liegt. Aber noch habe ich morgen einen Tag vor mir, den ich nutzen möchte.

Die Karte

Der 21. Tag

Sonntag, den 25. Mai 2008

Schwalbe bleibt unten

Die Idee, das ich ein Photo am Bahnhof Westerntor in Wernigerode, mit Schwalbe und Dampflok, machen könnte, verwirklicht sich leider nicht. Bin extra zeitig dort angekommen. Also warte ich jetzt die Zeit ab, bis die Brockenbahn mich und die anderen Fahrgäste zum höchsten Gipfel des Harzes bringt.

Der Zug fährt in den Bahnhof Wernigerode Westerntor ein

In rund 1,5 Stunden bringt mich der Zug, mit verschiedenen Stopps, auf den Brocken. Lange Zeit stehe ich auf der Außenplattform des Personenwagens, um mir den Geruch der Dampfmaschine um die Nase wehen zu lassen. Leider verschlechtert sich mit jedem Höhenmeter das Wetter. Geplant hatte ich, vom Gipfel herunter bis „Drei Annen“ zu laufen, was mir aber durch den einsetzenden Regen vermiest wird. Also beschränke ich meine Wanderaktivität auf den Gipfel. Einmal um das ehemalige Sperrgebiet der Russen, die in den Jahren 1947 bis 1994 hier stationiert waren. Ab 1961 war der Brocken Sperrgebiet, und der Tourismus kam komplett zum Erliegen.

Mit Dampf geht es auf den Brocken

Das Wetter treibt mich dann noch in das Brockenmuseum, der ehemaligen Abhörstation Urian. Das Museum beschäftigt sich nicht nur mit der Flora und Fauna des Berges, auch die DDR, bzw. die Wendezeit, wird beleuchtet. Auch die Versuche als Vorkriegsfernsehsendestation sind ein Thema im Brockenmuseum. Leider vereitelt der Regen immer noch einen Abstieg zu Fuß. Also kaufe ich eine Rückfahrkarte, und vertreibe mir die Zeit mit einem Teller Erbsensuppe.

Die Abhörstation Urian, heute das Brockenmuseum

Info:

Abhörstation Urian

Die Karte

Der 22. Tag

Montag, den 26. Mai 2008

Der lange Heimflug

Ein langer Weg, der heute vor mir liegt - berechnete 400 Kilometer bis nach Mönchengladbach. Vor dem Frühstück habe ich Schwalbe beladen, um zügig auf die Straße zu kommen, die uns jetzt wieder ärgern will. Kurz hinter Bad Grund, der Harz verabschiedet sich gerade, dürfen wir nicht auf die B 243 einbiegen. Ein nur für Kraftfahrzeuge-Schild versperrt die Weiterfahrt. Ich versuche es über eine Landstraße, merke aber schon bald, das die Richtung nicht stimmt. Ich krame den PDA hervor, um zu sehen, wie ich wieder meine Generalrichtung „Westen“ einnehmen kann. Auf dieser Reise habe ich ja vollständig auf Papierkarten verzichtet, was mir bisher auch keine Probleme bereitet hat. Auch jetzt kann ich mittels der elektronischen Karte wieder den richtigen Weg finden, wenn auch nur mit einem Umweg.

Schwalbe bringt mich wieder heim

Die B 64 soll mich eigentlich bis Paderborn bringen, aber kurz vor Brakel ist es wieder mal so weit, ich muss die Bundesstraße verlassen. Bis Bad Driburg führt mich eine gut ausgeschilderte Landstraße, die normalerweise auch weitergeht bis Paderborn. Leider ist sie wegen Bauarbeiten gesperrt, und die Umleitung geht über die B 64, die für mich immer noch tabu ist. Ich finde die Situation etwas vertrackt. Obwohl, man hat die Schilder „Kraftfahrzeugstraße“ ein wenig weggedreht, so das man sie nicht unbedingt erkennen muss. Ich fahre weiter. Aber schon nach wenigen hundert Meter kommt eine Abfahrt von der Bundesstraße. Geradeaus stehen wieder diese kleinen blauen Teufel, aber die Abfahrt ist ausgeschildert als Umleitung nach Paderborn. Ich folge natürlich der Umleitung, die sich nicht nur als Umleitung, sondern auch als Umweg erweist. Locker 15 Kilometer Umweg, bis ich wieder die B 64 nach Paderborn erreiche. In der Zwischenzeit ist natürlich auch der Tank wieder mal leer. Aber die Reserve reicht bis zur nächsten Tankstelle.

Zum ersten Mal auf dieser Reise fängt es an zu nieseln, und ich habe meine Regenhose angezogen. Zum Glück hält sich der Regen aber in Grenzen. Nach etwas über zehn Stunden Fahrzeit, die Schwalbe ohne Murren durchhält, komme ich in Mönchengladbach an. Eine schöne Reise hat ihr Ende gefunden.

Die Karte

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