Die Reisen des Karl-H. Mohr

Letzte Bearbeitung:

03.01.2011

Engelskirchen

  Wieder habe ich eine längere Tour vor. Geplant sind so um die 200 Kilometer, zum Rheinischen Industriemuseum, in der ehemaligen Baumwollspinnerei Ermen & Engels, das in Engelskirchen liegt.

  Engelskirchen wiederum ist ein 20.000 Einwohner Ort im Oberbergischen Kreis. Auf der Fahrt kann sich Schwalbe mal als Bergsteigerin bewähren. Immerhin wurde sie ja im Thüringerwald gebaut, und so dürften ihr Berge nicht unbekannt sein.

  Früh morgens; ich möchte ja am Nachmittag wieder zurück sein, fahre ich los. Zügig geht es Richtung Neuss, und von dort auf der Bundesstrasse 9 nach Köln.

Kurz am Rhein angehalten. Die Tankanlagen von Bayer in Dormagen im Hintergrund

  Zuerst versuche ich Schwalbe auf die Domplatte zu bekommen, was aber trotz der frühen Stunde nicht gelingt. Es sind mir einfach zu viele Menschen dort unterwegs. Also werden nur ein paar Photos aus der Entfernung aufgenommen.

  Bei meiner Planung dieser Ausfahrt habe ich mit Absicht die Deutzer Brücke ausgewählt, in der Hoffnung, das ich dort ohne Schwierigkeiten über den Rhein komme. Ich denke einfach, das die anderen Brücken nur für Kraftfahrzeuge zugelassen sind, und damit für Schwalbe tabu. Doch schon vor der Brückenauffahrt stehen Umleitungsschilder. Die Brücke ist heute, am 8. Juli 2007 wegen dem Cristopher-Street-Day gesperrt. Ich drehe ab, fahre die Rheinuferstraße entlang, bis zur Auffahrt der Zoobrücke.

  Aber viel weiter komme ich nicht, denn die Brücke wird von einem „Nur für Kraftfahrzeuge“ Schild bewacht. Ich weiche auf den Fahrradweg, der kaum befahren ist, aus. Wenn ich mich recht erinnere, endet die Brücke auf der A3 bzw. auf der A4, was ich aber überhaupt nicht gebrauchen kann.

Unbehelligt komme ich am anderen Rheinufer an, um dann erst mal stehen zu bleiben, damit ich die Lage abchecken kann. Der Fahrradweg geht zum einen geradeaus, aber auch links, in einer großen gebogenen Abfahrt, hinunter in einem Park. Meine Richtung die ich einhalten möchte wäre jedenfalls links, Rheinaufwärts, um wieder in die nähe der Deutzer Brücke zu gelangen. Allerdings stört mich die Parklandschaft die unter mir liegt. Unentschlossen was zu machen ist, kommt ein älterer Herr auf dem Rennrad daher, den ich kurzerhand anhalte.

  „Guten Morgen, ich muss zur Deutzer Brücke, wie komme ich da am bester hin.“

  „Dat is kee Problem Jung, fahr doch einfach hä herunger, dann emmer am Ring lang, bisse an der Brück bös.“

  „Aber da unten sieht so nach einem Park aus, kann ich da mit dem Moped Langfahren.“

  „Jo klor, do sät kinner wat, fahr ruhich do längs.“

  Der freundliche Mann fährt winkend weiter, und lässt mich grübelnd zurück. Ich stelle Schwalbe wieder auf beide Räder, und rolle, ohne den Motor zu starten die Abfahrt hinunter, und lande mitten in einem Park. Hier in dieser Oase der Ruhe kann ich nie und nimmer das Schwalbemaschinchen starten. Die Spaziergänger würden mich lynchen.

  Ich erkläre einem Paar meine Situation, und bekomme den Rat, einen Weg zu folgen, der zum Betriebshof des Parks führt, und von dort könne ich ruhig fahren. Zum Glück ist Schwalbe nicht schwer, und der Hof schnell erreicht. Ich war mitten im Rheinpark.

  Dank dem GPS komme ich schnell wieder auf meinen geplanten Weg, zum Bergischen Land. Zuerst noch durch die Außenbezirke von Köln, dann aber immer ländlicher. Auch das Gelände ändert sich. Langsam fangen die Steigungen an, die Schwalbe souverän erklimmt.

  An einer Steigung hinter dem Ort Steinbrücken, etwa fünf Kilometer vor Overath passiert es dann. Schwalbe geht aus, was aber mehr oder weniger normal ist, da der Sprit wohl zuende geht. Ich stelle den Benzinhahn auf Reserve, und hoffe das die Ausrollstrecke reicht, damit der Motor wieder seinen Lebenswichtigen Saft bekommt. Leider ist die Steigung zu stark, und ich muss anhalten. Aber auch durch ankicken lässt sich Schwalbe nicht überreden wieder anzuspringen. Ich nehme die Motorabdeckung ab, und sehe das der Benzinfilter völlig braun ist. Schnell schraube ich den Vergaser an den zwei sechser Muttern ab, und blase die Düsen so gut es geht durch. Den Vergaser wieder angeschraubt, den Benzinschlauch, aus dem Benzin läuft, aufgesteckt, und schon springt Schwalbe wieder an. Ich drehe und fahre zurück nach Steinbrücken, wo ich vorhin eine Tankstelle gesehen habe. Aber Schwalbe läuft nicht richtig. Standgas, und Vollgas sind in Ordnung, nur dazwischen ist sie sehr unwillig, springt aber nach dem Tanken wieder an, so das ich meine Fahrt nach Engelskirchen weiter fortsetzen kann. So wie sie jetzt läuft, kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, das ich wieder zurück nach Mönchengladbach komme. Das wird wohl das erste mal, das ich den ADAC bemühen muss.

  Im Museum bin ich der einzigste Besucher, und kann mich Phototechnisch frei entfalten. Der Wuppertaler Unternehmer Friedrich Engels gründete Mitte des 19. Jahrhundert, mit seinem Geschäftspartner Peter Ermen die Baumwollspinnerei Ermen & Engels. Für sich baute er die Villa, für die Arbeiter die Kirche. Die Namensgleichheit mit dem Co-Autor des Kommunistischen Manifests ist kein Zufall. Der Firmengründer war der Vater des berühmten Sozialisten.

  Um 1900 entstand in der Fabrik eines der ersten Elektrizitätswerke der Region. Die großen Turbinen, zu sehen sind die letzten in Betrieb gewesenen von 1907, wandelten die Kraft des Flüsschens Agger in Strom um.

  Die Schalttafel war die Steuerzentrale des Kraftwerks. Hier arbeitete auch der Mann, der über die Turbinen wachte. Das Kraftwerk versorgte nicht nur die Fabrik mit Energie, auch die Villa des Eigentümers und in den Anfangszeiten den Ort Engelskirchen. Aber schon 1924 reichte die Versorgung nicht mehr aus, und es wurde zusätzlich Energie aus einem öffentlichen Kraftwerk bezogen

Die Voltmeter für die drei Phasen. Die Lampe wurde zum Synchronisieren Spannungen vom Hausnetz und des öffentlichen Netzes benutzt

  Die Schalttafel stand von 1958 bis 2000 im Maschinenlabor des Heinrich-Hertz-Berufskollegs in Düsseldorf. Im Rahmen eines Projekts haben Auszubildende der Firma Siemens die Anlage in Düsseldorf abgebaut und im Museum wieder installiert.

  Jeder Arbeitstag in der Fabrik Ermen & Engels begann damit, das der Turbinenwart das große Handrad am Regler betätigte. Damit öffnete er die Leitklappen der Turbine. Es floss Wasser in die Turbinenräder, und Strom wurde erzeugt. Einmal eingestellt steuerte der Regler die Wasserzufuhr automatisch. Je nach Wasserstand und Stromverbrauch öffnete oder schloss er die Leitklappen. Ziel war der gleichmäßige Lauf der Turbinen.

  Die Turbine. Dieser Raum war während des Betriebes mit Wasser geflutet (deswegen das blaue licht). Links und Rechts kann man die Klappen erkennen, die vom Regler geöffnet, oder geschlossen wurden, um einen gleichmäßigen Lauf zu erreichen.

Die Welle treibt dieses Transmissionsrad an

Mit einem Lederriemen geht die Kraft weiter auf den Stromerzeugenden Generator

Eine Dampfmaschine aus der Vorzeit der Elektrizität

  Weiterhin ist im Museum der Werdegang der Baumwollspinnerei, und deren Arbeitsbedingungen dargestellt. Diese waren hart. Aus einem Brief des Pfarrers Fischer aus Lindlar von 1852 geht hervor das

  „zwölf Stunden täglich, an den Samstagen aber sogar fünfzehn Stunden gearbeitet wird“.

  Nicht umsonst hat Friedrich Engels den Ort Engelskirchen ausgesucht. Er vermutet hier billigen Arbeitskräfte:

  „Das Dorf Engelskirchen enthält mehrere hundert Einwohner, und die Umgegend ist ziemlich angebaut, so dass es nicht an Händen fehlt. Der Schulbezirk zählt allein 147 schulpflichtige Kinder von 6 bis 13 Jahren. Die Bewohner sind sehr arm und sehen mit Sehnsucht einer neuen Nahrungsquelle entgegen“

 ,schrieb er an seinen Geschäftspartner Ermen.

  „Kinder wird man verhältnismäßig weit billiger, wie bei uns haben können“,

 wie Engels voller Begeisterung nach einer Erkundungsreise 1837 an Ermen schrieb.

  „Ich muss gestehen, dass ich selten eine Stelle gesehen habe, die alles so in sich vereinigt, was von einer in jeder Beziehung zweckmäßigen Fabrikanlage verlangt wird.

  1979 wurde Ermel & Engels geschlossen. Würde Friedrich Engels senior heute Textilien produzieren, er ginge wohl nach Indien oder Südkorea. Wegen der billigen Arbeitskräfte, versteht sich.

  Nachdem ich wieder neben Schwalbe stehe, habe ich wenig Hoffnung das ich wieder auf zwei Räder nach Hause komme. Aber sie verblüfft mich immer wieder, auf den ersten Kick springt sie an, und läuft auch ruhig im Standgas weiter. Einzig Halbgas (also zwischen Stand- und Vollgas, oder wie immer man das Ausdrückt) will sie nicht so recht haben.

Frikadellenpause im Bergischen

  Aber bei den Steigungen, die Schwalbe souverän nimmt, brauche ich sowieso nur Vollgas, und das im 3. und 2. Gang.

  Schöne Straßen im Bergischen Land habe ich mir ausgesucht. Jetzt fehlt nur noch eine Dampflok auf der Brücke, und der Kitsch wäre perfekt.

  Zwar keine Dampflok, aber immerhin eine BMW GS kommt vorbei. Dabei habe ich bei jedem Photostop Angst das Schwalbe nicht mehr anspringen will. Aber ich kann nicht meckern, auf dem ersten Kick läuft ihr Motörchen.

  Immer wieder schön zu sehen. Gelb und Blau. Da musste ich einfach anhalten.

  Um über den Rhein zu kommen möchte ich nicht, wie heute morgen eine Brücke benutzen, sondern mit der Fähre von Baumberg nach Zons fahren. Aber schon einige Hundert Meter vor der Fährrampe stehen Autos auf der Straße. Erst denke ich, es würde jemand weiter vorne einparken, bis ich dahinter komme, das die schon für die Fähre anstehen. Ich mische mich unter die Radfahrer, die sich dann aber auf der linken Seite der Straße in einer Reihe anstellen. Das ist mir auch zu dumm, und nehme die freie Mitte um bis an den Fähranleger vorzufahren.

  Noch vierzig Kilometer bis nach Hause, wo ich Schwalbe in nächster Zeit ein wenig Aufmerksamkeit widmen muss, damit sie wieder rund läuft.

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