Die Reisen des Karl-H. Mohr

Letzte Bearbeitung:

03.01.2011

Heimbach

  Es kommt nicht oft vor, aber es kommt vor, das ich am Samstag mal Zeit für eine Tour habe. Heute, am 18.8.2007 kann ich mich auf Schwalbe setzen und losfliegen, und zwar liegt mein Ziel in der Eifel. Wieder kommt meine Vorliebe zu technischen zum Vorschein. Ich möchte zum RWE-Kraftwerk nach Heimbach.

  Um 9:30 geht es los, aber nicht aufs Land, sondern erst mal in die Innenstadt von Rheydt zum örtlichen Polo-Händler. Immer wenn ich unterwegs bin, beschleicht mich das ungute Gefühl für eine Reifenpanne nichts mitzuhaben. Also kaufe ich eine Dose Reifenpilot, die mir im Falle eines Plattfusses helfen soll den Reifen wieder prall zu bekommen. Obwohl ich nicht überzeugt bin, das es wirklich funktioniert. Aber jetzt geht es wirklich los. Raus aus Mönchengladbach. Die Strecke an Grevenbroich und dem Kraftwerk Frimmersdorf vorbei hat für mich fast Autobahnähnlichen Charakter. Die Straße hat einen Seitenstreifen auf dem ich unbehelligt meine 60 Km/h fahren kann.

Die Burg in Nideggen. Das Auto passt mir nicht ins Bild

   Nur kurz fahre ich über die vielbefahrene B477, um mich wieder auf den kleinen Nebenstraße zu schlagen. Kurz durch Düren fahre ich weiter bis Nideggen, wo ich meine ersten Photos machen möchte. Ich fahre hoch bis zur Burg, komme aber Fototechnisch nicht richtig zum Zuge. Schnell sitze ich wieder auf Schwalbe, um über eine Serpentinenartige Strecke zum Rurtal hinunter zu fahren. Ich folge der Rur bis Heimbach, wo ich mir als erstes eine Tankstelle suche. Bis zur Führung, die Samstags um 14:00 Uhr stattfindet, habe ich noch etwa zwei Stunden. In einem Biergarten an der Rur kann ich meinen knurrenden Magen mit einem Grillteller beruhigen, und mir die Zeit vertreiben.

Das Kraftwerk, ein vom Jugendstil geprägtes Gebäude. Es gilt als schönstes RWE Kraftwerk

   Immer noch etwas früh suche ich mir den Weg zum Kraftwerk Heimbach. Da noch keine Besucher vor dem Tor stehen, kann ich in aller Ruhe Photos machen. Schwalbe binde ich danach an dem Pfahl einer Infotafel fest. Langsam kommen auch die nächsten Besucher. Viele mit dem Fahrrad, einige mit dem Auto, und eine Feucht-fröhliche Truppe mit einem Planwagen, der von einem Trecker gezogen wird. Dann kommt ein Bus die kleine Zufahrtstraße herunter, der zum PKW-Parkplatz abbiegt. Zum einen holt der Fahrer nicht genug aus, zum anderen steht Schwalbe im Weg, obwohl sie nicht auf der Straße steht, sondern neben dem Infoschild auf Schotter. Ich brauche einige Sekunden, bis ich begreife das der Bus wegen Schwalbe in der Kurve stehen bleibt. Mit einem freundlichen Helfer hebe ich sie etwas herum, damit der Bus weiterfahren kann.

  „Ich weiß gar nicht was der hier will, das ist keine Bushaltestelle, außerdem haben sie ihr Moped gar nicht auf der Straße geparkt.“

Erzählt mir der freundliche Helfer.

Die Rur, bzw. das Staubecken Heimbach ist ein gern genutztes Freizeitgewässer

  Kurz vor 14:00 Uhr, es haben sich schon eine Menge Leute angesammelt, kommt eine junge Frau und schließt das Tor auf. Sie ist wohl ein wenig erstaunt über die vielen Besucher und verschwindet mit einem gemurmelten,

  „Ich muss mal telefonieren“

in einem Nebengebäude. Kurz danach erklärt sie uns, das die Gruppe, aus abgezählten 40 Personen geteilt wird, denn eine Kollegin sei unterwegs. Es teilt sich eine Gruppe von etwa 20 Personen ab, die der jungen Frau in das Kraftwerk folgen. Ich bleibe mit den anderen noch draußen, um auf die andere Dame zu warten. Die Truppe; und vor allem der Anführer aus dem feucht-fröhlichen Planwagen; fangen an rumzustänkern. Spielen am Notaustaster des Außentores rum. Ihnen ist der Alkoholkonsum deutlich anzumerken. Ein wenig später kommt ein Auto die Straße herunter, mit der nächsten Dame, die uns durch das Kraftwerk führen soll. Kaum aus dem Auto, fängt der Anführer der Planwagentruppe mit ihr das Stänkern an. Sie hätten ein Führung, nur für ihre Gruppe gebucht, jetzt müssten sie mit allen zusammen, und auch noch viel später eine Führung mitmachen. Doch die Frau bleibt ganz ruhig, und fragt:

  „Wann und wie haben sie denn die Führung gebucht.“

  „Wir haben am Mittwoch angerufen, dabei ist uns bestätigt worden, das wir heute eine Führung bekommen.“

Die Antwort ist verblüffend.

  „Ich bin die Leiterin der Presseabteilung von RWE Heimbach, und mir ist von einer Gruppenanmeldung für heute nichts bekannt, außerdem können Gruppenführungen nur schriftlich, und mindestens eine Woche vorher beantragt werden. Dann hätten sie einen Termin vor oder nach 14:00 Uhr bekommen, aber nicht mit den öffentlichen Führungen. Aber wir können jetzt noch weiter diskutieren, oder wir gehen los, und fangen an.“

Der Rädelsführer ist ruhig und trottet der Gruppe hinterher.

Waschen mit Miele. Schon meine Oma hatte so eine Holzwaschmaschine im Keller

  Zuerst geht es in ein Elektrogeräte Museum. Dort stehen allerhand alte und zum Teil auch skurrile Elektrogeräte herum. Sei es eine Waschmaschine bzw. eine sogenannte Holzbottichwaschmaschine, die ich noch aus dem Keller meiner Oma kenne. Oder ein alter Elektroherd, der noch die Form eines Kohleherds hat. Aber auch Höhensonnen, zum Bräunen aus den Frühtagen der Strahlentechnologie. Heute ist wohl jedes Röntgengerät weniger gefährlich, als diese, privat benutzten, Bräunungsgeräte. 1929 initiierte RWE die Ausstellung „Technik im Heim“ in der, der Einsatz der Elektrizität in allen Bereichen des Haushalts dargestellt wurde. Ebenso wurde mit der Einführung der Ratenzahlung dem potenziellen Kunden der Einstieg ins Elektrozeitalter schmackhaft gemacht.

Kochen anno 1940. Zwei Platten und der Backofen sind elektrisch. Die rechte Seite wird noch mit Holz und Kohle beheizt

  Es geht weiter in den Schalterraum, des am 8. August 1905 in Betrieb gegangenen Kraftwerks. Es versorgte, über ein 400 Kilometer langes Freileitungsnetz, den Regierungsbezirk Aachen. Dabei muss man sich aber vorstellen, das damals die Kilowattstunden etwa 50 bis 60 Pfennig kostet. Der Tagesverdienst eines Arbeiter im Kraftwerk lag bei 4 Mark. Strom leisteten sich nur die Reichen und die Industrie.

Die Schalter des Kraftwerks. Der Drahtkäfig (Faradayscher Käfig) schützte die Arbeiter vor Stromüberschlag

  Die rasch fortschreitende Industrialisierung und der stark steigende Strombedarf sorgten aber schon bald dafür, dass das Kraftwerk Heimbach diese Aufgabe nicht mehr alleine bewältigen konnte und nun im Verbund mit anderen Kraftwerken lief. Während ich noch die Informationen in mein Büchlein schreibe, bin ich schon in den Hauptsaal, mit der Schalttafel und den Turbinen geraten.

  Die Schalttafel ist ein Traum, die Anzeigeinstrumente aus Messing, die Wand aus Marmor mit schönem Mahagoni Holz verziert. Oben auf dem Podest der Schalttafel durfte nur der Obermaschinenführer stehen. Er war vornehm, mit schwarzem Anzug, weißem Kragen und Manschetten, gekleidet. Seine Maschinisten, unten im Turbinenraum, durften nur auf seinen Befehl zu ihm auf die Empore. Seine Anweisungen gab er, der Lautstärke wegen, mittels Hand, und Lichtzeichen. Die Schalttafel war noch bis 1974 in Betrieb.

Die Schalttafel aus Marmor und Mahagoni. Die „Striche“ zwischen den Anzeigen im Feld 1 sind aus Kupfer, und standen während des Betriebes unter Spannung

Dort oben stand der Obermaschinenführer, und gab seine Anweisungen. Im Vordergrund ein Generator der Fa.Lahmeyer.

  Im Ursprung hatte das Kraftwerk acht Turbinen, von denen noch 2 zu Schauzwecken erhalten sind. Da dies aber nicht nur ein Museumskraftwerk ist, sondern ein intaktes sind noch zwei neue Turbinen, von denen eine gerade in Reparatur ist, in Betrieb. Die Turbinen; die alten, wie auch die neuen; sind von Escher Wyss Zürich. Bei mir macht es natürlich sofort klick, denn später hieß die Firma Sulzer Escher Wyss, und Sulzer Infra, nach dem Verkauf an Suez umbenannt in Axima, ist mein Arbeitgeber. Auch die Turbinen waren bis 1974 in Betrieb.

  Sulzer Escher Wyss kam unter anderem in Probleme weil die produzierten Maschinen zu haltbar waren und nicht ersetzt werden brauchten.

Bei 500 Touren ist Schluss. Der Originale Drehzahlmesser der Esche Wyss Turbine

   Eine Wassermenge von insgesamt 16 Kubikmeter je Sekunde durchströmte die acht Escher Wyss Turbinen. Die Kraft der Turbinen wurde mit Seilkupplungen auf die Generatoren übertragen. Die 90 Meter langen Hanfseile musste alle drei Jahre ausgewechselt werden. Die Zeit des 2. Weltkrieges hat das Kraftwerk Heimbach relativ unbeschadet überstanden. Allerdings sprengte die deutsche Wehrmacht am 11. Februar 1945 die Stollenverschlüsse auf der Kraftwerksseite, um so den Durchbruch der Alliierten zum Rhein zu verhindern. Infolgedessen lief die Urfttalsperre komplett leer und das Kraftwerk wurde von den Wasser- und Geröllmassen überflutet. Nach umfangreichen und beschwerlichen Aufräum- und Reparaturarbeiten – sowohl Arbeitskräfte wie auch Werkzeuge waren Mangelware - konnten im Januar 1948 die ersten vier Maschinen wieder anlaufen, die übrigen vier Maschinen folgten Ende des Jahres.

Eine Generatoreinheit, mit Turbine, Kupplung, Generator, und den Regler in der rechten Bildhälfte

  1975 hatten die acht alten Turbinen und Generatoren ausgedient, sie wurden durch zwei neue Maschinen mit deutlich höherer Leistung ersetzt. Die beiden neuen Maschinen haben heute zusammen eine Leistung von 16.000 Kilowatt und nutzen 18 Kubikmeter Wasser je Sekunde. Das Kraftwerk Heimbach, erzeugt heute im Jahr rund 25 Millionen Kilowattstunden elektrische Energie, genug um rund 7.800 Haushalte zu versorgen.

Die „neue“ Turbine mit ihrem Schaltschrank im Hintergrund. Beide auch schon über 30 Jahre alt.

Noch mal ein Blick zur alten Schaltzentrale. Die Fenster unterhalb der Empore in der Form einer Glühlampe

   Nach dem Rundgang durch das Wasserkraftwerk setze ich meine Fahrt, mit einem kleinen Abstecher zur Rurtalsperre fort. Von Heimbach führt eine Kurvenreiche Strecke hoch zur Talsperre. Schwalbe muss sich mit voller Kraft die Straße hinauf quälen. Der See wird bei diesem schönen Wetter intensiv von Segler genutzt. Groß genug ist er ja. Ich halte mich aber nicht lange auf, denn mit läuft, durch den verspäteten Beginn der Kraftwerksführung, die Zeit ein wenig weg. Schwalbe kommt beim hinunterfahren der Straße nach Heimbach in ungeahnte Geschwindigkeitsbereiche, aber nur bis es links ab nach Schmidt geht.

Der Rurstausee. Deutschlands zweitgrößter Stausee

   Eigentlich hatte ich vor, ab Düren die B56 zu benutzen, was mir aber durch das Verkehrszeichen 331 „Kraftfahrstraße“ vermiest wird. Da darf ich mich mit Schwalbe nicht blicken lassen. Dank GPS kann ich eine Nebenstraße, die etwa parallel zur Bundesstraße, halt nur über die Dörfer, benutzen.

   Alles in allem war das eine schöne Fahrt in die Voreifel, bei schönem Wetter, und mit einer interessanten Führung in einem Wasserkraftwerk.

Schwalbe vor dem Staubecken Heimbach

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